Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis im Rahmen der Predigtreihe "Glaube im Unterhaltungsformat": J. Camerons Titanic

Liebe Gemeinde!
Das Problem eines jeden Films über die Titanic ist, daß die Zuschauer wissen, wie er ausgeht: Das Schiff versinkt. James Cameronës Verfilmung entgeht diesem Problem dadurch, daß er eine zweite und eine dritte Geschichte erzählt: Die zweite ist die der Entdeckung des Schiffswracks, die dritte ist die Liebesgeschichte von Rose und Jack. Und die bekommt in den letzten Sekunden des Films noch eine entscheidende Wendung. Aber der Reihe nach...

Da ist zunächst die bekannte Geschichte vom Untergang des größten Schiffes der Welt, des größten beweglichen Objektes - wie es an einer Stelle des Films heißt - das Menschenhand bisher, also zu Anfang des 20. Jahrhunderts, geschaffen hat. Sein Untergang legte den Grundstein zum ÇMythos Titanicë, zur Technik- und Zivilisationskritik an der Überheblichkeit, ja Hybris der Menschen der Moderne. Unsinkbar sollte es sein - mit seinen verschließbaren Schotten. ÑGott selbst kann das Schiff nicht versenkenì, sagt der Schurke des Films, Roses Verlobter Cal. Und die Welt beklagt 1495 Tote. Der Untergang der Titanic - Verlust des Fortschrittsglaubens, Mahnmal des Industriezeitalters.

Da ist die Frage nach der Schuld. Nur 712 Überlebende: zu wenig Rettungsboote, nur halb beladen haben sie sich vom untergehenden Ozeanriesen entfernt, um nicht mithinuntergerissen zu werden, nur eines kehrt nach der Katastrophe um - und kann ganze sechs Menschen lebend aus den eisigen Wassern des Nordatlantiks retten. Die anderen bleiben auf Abstand, aus Sorge, von den Verzweifelten versenkt zu werden. Der Untergang der Titanic - Ausdruck der barbarischen Vernunft des Industriezeitalters.

Und da ist der Konflikt von Çreichë und Çarmë: Als die Passagiere der dritten Klasse endlich an Deck sind, sind fast alle Boote schon fort. Der Film verschärft: Man hat sie im Bauch des untergehenden Schiffes eingeschlossen. So läßt Cameron die Liebesgeschichte von Rose und Jack vor dem Hintergrund der Klassengesellschaft vor dem 1. Weltkrieg spielen: das Schiff - ein Spiegel dieser Welt. Neureiche werden zwar (widerwillig) akzeptiert, denn Geld regiert die Welt, doch Rose trägt noch einen Çguten Namenë. Ihre Mutter aber ist verarmt und auf die Çgute Partieë der Tochter angewiesen. Der Film sympathisiert mit den Armen: Dort spielt das Çwahre Lebenë: Rose blüht auf, als Jack sie zum Tanzvergnügen in die unteren Decks entführt.

Geschickt verschränkt Cameron die Erzählebenen: Die alte Rose, eine der letzten Überlebenden, erzählt ihre Geschichte - und die zieht die Schatzsucher von heute in ihren Bann. Ursprünglich hatten sie es ja nur auf den sagenumwobenen Riesendiamanten ÑHerz des Ozeansì abgesehen, nun aber werden sie - stellvertretend für die Zuschauer im Kino - so etwas wie Zeugen der Tragödie. ÑIch habe das bisher nicht so an mich herangelassenì, sagt ihr Chef beschämt. Und auch der Zuschauer von heute ist beschämt. Er holt jetzt nach, was damals noch keiner konnte: Er verfolgt den Untergang des Traumschiffs, des ÑSchiffs der Träumeì - in Realzeit. Er wird als hilfloser Beobachter Teil des Geschehens. Selten sind im Kino so viel ehrliche Tränen vergossen worden wie bei diesem mit 11 Oskars prämierten Film. Die Filmkritik ist sich einig: ein Jahrhundertfilm. Er Ñstellt Fragen an das neue Jahrtausendì, meint ein Filmkritiker und spricht von Ñeschatologischen Erzählstrukturenì. Was meint er damit?

Gewiß spielen die Frage nach der Ursache des Unglücks und nach der Verantwortung dafür eine Rolle. Wie ein guter Krimiautor gibt der gelernte Ingenieur Cameron Hinweise, die man erst im Rückblick versteht: Noch mehr Rettungsboote hätten auf dem Oberdeck ästhetisch gestört, die Ferngläser sind verschwunden, um Schlagzeilen in der Presse willen wird gegen die Uhr gefahren, werden alle Kessel auf voller Kraft betrieben. Und die Überlebenden Ñwarten auf eine Absolution - die aber nie erteilt wurde.ì (Rose) Aber zusätzlich zur realen Ebene wird der Untergang symbolisch überhöht. Exemplarisch wird das am Sterben Einzelner gezeigt: Ein Offizier - eben noch hat er in Panik Passagiere erschossen - erschießt sich selber, Kinder werden mit einem Märchen in den Tod begleitet - wie sonst in den Schlaf, der Gentleman behält seine Würde (und das Glas Brandy), das alte Ehepaar stirbt gemeinsam: umschlungen, einer betet aus Psalm 23: ÑUnd ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.ì Und vor allem sind da Rose und Jack.

Jack, der arme Kunstmaler, wird zur Rettergestalt überhöht. Er weiß im untergehenden Schiff den Weg, sprengt die Gitter, findet die rettenden Schlüssel. Er wird Roses persönlicher Erlöser - und das gleich mehrfach: Er bewahrt sie gleich zu Anfang davor, am Heck des Schiffes, die ÇAlte Weltë im Rücken, über Bord zu springen, um ihrem Leben und der ungewollten Ehe ein Ende zu setzen; er rettet sie, als sie dort beinahe abstürzt - und führt sie zum Bug, seinem Lieblingsplatz, Richtung ÇNeue Weltë: ÑIch bin der König der Welt.ì Und die beiden stehen dort, er hinter ihr - wie die Christusfigur über Rio de Janeiro, die Arme ausgebreitet in der Form des Kreuzes: ÑIch fliege.ì Am Ende nimmt er ihr das Versprechen ab, leben zu wollen, und prophezeit ihr, sie werde Kinder bekommen und als alte Frau im Bett sterben. So rettet er sie vor einem Leben ohne Liebe.

Rose ist Teil dieser rettenden Beziehung. Sie befreit Jack aus dem Büro des Zahlmeisters, kehrt aus dem Boot zu ihm zurück und gibt ihm so sein Versprechen zurück: ÑWenn Du springst, spring ich auch.ì Wenn sie es schaffen, dann nur beide zusammen. Das ist Camerons Botschaft, die Botschaft dieses Fims, der Mythos am Ende des 20. Jahrhunderts: ÑWas wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen...ì- das Ideal der rettenden menschlichen Beziehung. ÑEr hat mich gerettet, in jeder Weise - wie ein Mensch nur gerettet werden kann.ì (Daß das ein Mythos und eine Überforderung ist, darüber will ich in der nächsten Woche mit Blick auf die Fernsehserie ÑGreyës Anatomy - die jungen Ärzteì sprechen. Aber jetzt zurück zur Titanic:)

Als der tote Jack in den Fluten versinkt, ruft Rose: ÑKomm zurück!ì Und genau das geschieht - in den letzten Sekunden des Films, kurz bevor im Kino das Licht angeht und Céline Dion ihr Lied singt, das Lied der Rose: ÑMy heart will go onì:
Jede Nacht in meinen Träumen seh' ich dich,
ich spür' dich und ich weiß,
dass du weiterlebst.
Weit her über Zeit und Raum zwischen uns
bist du gekommen, um mir zu zeigen,
dass es weitergeht.
Nah oder fern, wo immer du bist, ich glaube daran,
dass das Herz weiterschlägt.
Du öffnest einmal mehr eine Tür und du bist hier in meinem Herzen,
und mein Herz wird es weiter und weiter tragen.
Die Liebe kann uns einmal treffen
und ein ganzes Leben andauern und
niemals aufhören, bis wir eins sind.
Liebe war, als ich dich liebte.
Das ist die Wahrheit, die ich festhalte.
In meinem Leben werden wir immer weiterleben.
Es gibt eine Liebe, die niemals vergeht.
Du bist hier, und es gibt nichts, das ich fürchte.
Ich weiß, dass mein Herz weiterschlagen wird
so wird es immer für uns bleiben.
Du bist geborgen in meinem Herzen
und mein Herz wird es immer weitertragen.

Vielleicht hat mancher Zuschauer vor lauter Rührung schon nicht mehr alles mitbekommen, was da kurz zuvor auf der Leinwand noch geschehen ist. Die alte Rose geht in der Nacht zum Heck des Expeditionsschiffes, klettert auf die Reling - man fragt sich, wird sie jetzt, wird sie dieses Mal springen? - und wirft den Diamanten ins Wasser, ihre Verbindung zu Jack. Nun ist sie wiederhergestellt.

In der Nacht stirbt Rose, kann sie endlich sterben, denn sie ist mit ihrem Geliebten wieder vereint. Und der Zuschauer sieht, wie auf einmal ein neues Licht in das tote Wrack fällt, die Türen öffnen sich - und da ist Jack, er steht an der Uhr. Es ist Mitternacht, der neue Tag beginnt - und ein neues Leben. Und alle sind wieder da. Sie stehen Spalier - wie bei einer Hochzeit, wenn der Bräutigam wartet. Und wie der Bräutigam am Altar wendet er sich zu Rose um. Und es geht in Erfüllung, was Minuten vor dem Untergang ein Priester aus Offenbarung 21 rezitiert hat:
ÑUnd ich sah  einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Das Erste ist vergangen...ì.

Das ist die eigentliche, die religiöse Geschichte, die Cameron erzählt, die - theologisch gesprochen - eschatologische: die von der endgültigen Rettung und der neuen Welt. Cameron spricht nicht von Gott - aber er bedient sich des alten apokalyptischen Schemas von den zwei Stadien: von der alten Welt, die im Untergang liegt, und der neuen, die beginnt. Das zeigen die letzten 30 Sekunden des Films.

Wer den Film so sieht und deutet, kann manch anderen Hinweis entschlüsseln: ÑDie Titanic ist das einzige Rettungsboot, das es gibtì, heißt es einmal. In der Tat: Wir alle sind mit auf der Titanic unterwegs und mit ihr untergegangen - und leben als Gerettete im Anbruch der neuen Welt, christlich gesprochen: sind in der Taufe mit Christus gestorben (ersäuft!) und auferstanden. Bei unserer Taufe trugen wir das weiße Kleid - wie die alte Rose an der Reeling - und verstehen uns als Braut Christi, unseres Retters.

Cameronsës Titanic - das ist verkleidete christliche Hoffnung. Ähnlich wie im Johannesevangelium gibt es eine reale und eine symbolische Ebene. Die muß man erst entdecken. Dann sieht man den Film anders, sieht man mehr: Am Mikrokosmos des Schiffes aus alten Welt auf dem Weg in die neue zeigt sich, was Gott mit dieser unserer alten Welt vorhat. ÑNäher, mein Gott zu dirì - die letzten Töne der Bordkapelle erweisen sich als wahr. Im Film ist Rose die neue Madame Bijoux, die Jack einst auf seiner Hinreise erlebt und gemalt hatte, die ihren Schmuck trug wie eine Königin: Ihr Schmuckstück, der Diamant ÑHerz des Ozeansì wird ihr zum Bindeglied zu ihrem Geliebten, zum einzigen Schmuckstück, das zählt, das sie aufbewahrt, das sie am Leben hält. Christinnen und Christen verstehen diese symbolische Anspielung - auf das Brot des Lebens. Es ist unser Diamant. Es verbindet uns mit Christus - bis wir ihn wiedersehen.
Amen.
 
 


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