Schnädelbach, Der Fluch des Christentums
Die Sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion. Eine kulturelle
Bilanz nach zweitausend Jahren
VON HERBERT SCHNÄDELBACH
ÝDie Zeit, Nr. 20, 11. Mai 2000, S. 41-42
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Herbert Schnädelbach lehrt als Professor für Philosophie
an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor wenigen Jahren ist von
ihm im Frankfurter Suhrkamp Verlag die Vortrags- und Aufsatzsammlung Philosophie
in der modernen Kultur erschienen
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Mit seinem "Mea culpa!" hatte der Papst Woityla auf seine Weise Bilanz
gezogen; er bat um Vergebung für das, was Christen im christlichen
Namen getan haben, hütete sich aber, irgendeine Schuld der Kirche
als solcher einzuräumen. In der Perspektive der Kirchenräson
ist das verständlich, aber es dient nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit
ist: Die "sieben Todsünden", die der Papst nennt, sind nicht trotz,
sondern wegen des Christentums geschehen; die Täter haben dabei nicht
gegen dessen Prinzipien verstoßen, sondern nur versucht, sie durchzusetzen.
Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste
Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als
Fluch auf unserer Zivilisation, der bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts
reicht, während der christliche "Segen" stets von Individuen ausging,
die das, was sie Gutes taten, allzu oft gegen den Widerstand der amtskirchlichen
Autoritäten durchsetzen mussten. Meine Vermutung ist, dass diese Christen
ihre Kraft stets aus den biblischen Beständen bezogen, die gar nicht
spezifisch christlich sind, sondern jüdisches Erbe: zum Beispiel das
Liebesgebot. Im Folgenden geht es nicht um die grauenvolle Kriminalgeschichte
des Christentums; in die Falle "Prinzip versus Realität" und "Wir
sind allemal Sünder" möchte ich nicht tappen. Deswegen werde
ich stattdessen, im Gegenzug zu den sieben Todsünden des Papstes,
auf sieben Geburtsfehler des Christentums verweisen, die es gar nicht beheben
kann, weil dies bedeutete, sich selbst aufzuheben. Vielleicht aber ist
diese Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christenturn
unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte; wir könnten
es dann in Frieden ziehen lassen.
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1. Die Erbsünde
Wie das Christentum als Theologie ist auch die Erbsünde eine Erfindung
von Paulus: "Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen
in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen
Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben" (Röm.
5,12). In der Tat ist auch .Genesis 2,17 zufolge der Tod "der Sünde
Sold" (Römer 6,23), denn Gott sprach: "...aber von dem Baum der Erkenntnis
des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon
issest, wirst du des Todes sterben." Das Alte Testament kennt somit den
Tod aller Menschen nur als Erbschaft der Sünde Adams. Aus diesem "Erbtod"
macht Paulus im kühnen Umkehrschluss die Erbsünde: Wenn die Sünde
den Tod zur Folge hat, muss dort, wo gestorben wird, auch Sünde gewesen
sein, für den der Tod die Strafe ist; also sind alle Nachkommen Adams
allein deswegen, weil sie als Sterbliche geboren worden sind, geborene
Sünder - unabhängig von ihren Taten. Daraus ergibt sich die paulinische
Botschaft der Rechtfertigung durch den Glauben, auf die sich in unseren
Tagen Katholiken und Protestanten in einem gigantischen Formelkompromiss
erneut geeinigt haben. Eine solche Nachricht ist aber kein Trost, sondern
eine Provokation für alle, die sich weigern, den paulinischen Zusammenhang
zwischen Tod und Sünde anzuerkennen: Warum sollte ich mich bloß
deswegen, weil ich sterblich bin, für schuldig halten? Wer sich, nur
durch den Glauben für gerechtfertigt hält, ist bereit, sich um
Adams willen oder besser grundlos beschuldigen zu lassen und dann als bloß
Begnadigter weiterzuleben. Überdies kann der Begnadigte seiner Gnade
niemals sicher sein, wie uns die Lehre von der Prädestination versichert.
Deren Funktion ist es freilich, die Rechtfertigung durch den Glauben nicht
selbst als einen Rechtsanspruch darzustellen, aber was ist das für
eine Gerechtigkeit, die die einen Erbsünder zum Heil und die anderen
zur Verdammnis vorherbestimmt? An dieser Stelle verbietet uns das Christentum
den Mund: "Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten
willst?" (Röm., 9, 20)
Was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt
auf der Hand. Sie ist menschenverachtend. Der Mensch,wie er geht und steht,
ist verblendet, wenn er sich nicht für "verderbt" und für unfähig
zum Guten hält. Dass die Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte
christliche Wurzeln hätten, ist ein gern geglaubtes Märchen.
Die Idee der Humanitas stammt aus der Stoa, und die Figur des aufrechten
Ganges des Menschen vor Gott ist ein jüdisches Erbe, das das paulinische
Christentum korrumpiert und verschleudert hat. Der fromme Jude spricht
sich selbstverständlich die prinzipielle Fähigkeit zu, "gerecht",
das heißt dem göttlichen Gesetz gemäß zu leben; er
kennt keine Erbsünde, sondern nur die Sünden, die er selbst begangen
hat, und für die existiert auch Vergebung. Diese jüdische Überzeugung
trifft der ganze Hass und die ganze Verachtung des Neuen Testaments; Paulus
zufolge gibt es vor Gott keine Gerechten, und die, die sich dafür
halten, sind Pharisäer - ein Schimpfwort bis heute. Dem fügt
er noch die Propagandaphrase vom Leiden der Juden unter dem Gesetz hinzu,
die bis heute die Judenmission rechtfertigen soll; es gilt ihm als "Fluch"
und als "Zuchtmeister ... auf Christum" (Galater 3, 13 und 24). In Wahrheit
ist für die frommen Juden das Gesetz selbst göttliche Gnade;
wie könnten sie sonst das Fest der Gesetzesfreude feiern?
Die Lehre von der Erbsünde und ihr Gegenstück, die These
von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben, haben dazu gefiihrt, dass
das jüdische Motiv der Würde eines jeden Menschen als Gottes
Ebenbild und die stoische Idee der Menschenrechte im Christentum nur in
verstümmelter und dadurch pervertierter Gestalt festgehalten wurden.
Das Resultat ist die christliche Lehre vom relativen Naturrecht: Menschenwürde
und Menschenrechte existieren im Christentum nur für Glaubende als
von Gott Begnadigte. Wer dazugehört, darüber entscheidet die
Kirche: "Extra ecclesiam nulla salus". So ist es kein Zufall und erst recht
kein historischer Unfall, wie der Papst glauben machen möchte, dass
seit je für die Christen die Heiden bis zu ihrer Taufe keine Menschen
waren und auch nicht so behandelt werden mussten.
In den christlichen Staaten könnten naturrechtliche Ansprüche
stets mit dem Hinweis auf den "Sündenstand" der Betroffenen abgewiesen
werden. So musste die Aufklärung die Idee des nichtrelativen Naturrechts
gegen den erbitterten Widerstand der Amtskirche beider Konfessionen durchsetzen,
denn es ließ sich nur als säkulares durchsetzen. Dabei galt
es, die Erbsündenlehre samt ihren fatalen Implikationen zu neutralisieren.
Dass auch heute ständig auf die Verdienste des Christentums für
die Ideen der Menschenwürde und Menschenrechte verwiesen wird, so
als hätte hier etwas vorgelegen, was nur zu säkularisieren gewesen
wäre, ist in Wahrheit bittere Ironie: Das jüdische und stoische
Erbe musste der christlichen Tradition erneut abgetrotzt werden. Es gibt
keinen Grund für Christen, darauf auch noch stolz zu sein.
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2. Die Rechtfertigung als blutiger Rechtshandel
Die ursprüngliche Botschaft der ersten Christen lautete: "Er ist
auferstanden." Welchen Sinn hatte dann seine Kreuzigung? Die Auskunft des
Paulus lautet: "Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über
alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die
Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen" (Röm.
5, 18). Die Gerechtigkeit dieses einen aber ist für das Neue Testament
keine andere als die des leidenden Gottesknechts nach Jesaja 53, 4ff.,
der sich wie ein "Lamm" zur "Schlachtbank" (10) führen lässt
und sein Leben zum "Schuldopfer" hingibt. Das Christentum fasst die Erlösung
von der Erbsünde im Sinne des alten jüdischen Sühnerituals,
in dem ein Schaf zum "Sündenbock" gemacht wird, als das Sühnopfer
eines unschuldig Gekreuzigten, der "unsere Sünden ... hinaufgetragen
hat an seinem Leibe auf das Holz" (l. Petrus 3, 24).
Wenn das die ganze Wahrheit vom "Lamm Gottes" wäre, dann genügte
Dankbarkeit, um einen zum Christsein zu veranlassen, aber uns wird gesagt:
Dieser unschuldig Geopferte war nicht irgendwer, sondern der Sohn Gottes;
das Lamm Gottes war selbst Gott. Somit hat Gott dieses Sühnopfer mit
sich selbst veranstaltet, denn "Gott war in Christo und versöhnte
die Welt mit ihm selbst" (2. Kor. 5, 19). Diese Selbstversöhnung Gottes
erscheint auch als Rechtshandel, in dem Gott zugleich Gläubiger und
Vertreter der Schuldner ist; die Währung ist Blut: "Ihr seid teuer
erkauft" (l. Kor. 6, 20); "...mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen
und unbefleckten Lammes" (l. Petrus 1, 18f). Angesichts dieses unbegreiflichen
Szenariums möchte man fragen, warum der christliche Gott nicht unter
denselben Bedingungen vergeben kann wie der jüdische Gott am Jom-Kippur-Fest,
und dies vielleicht auch ohne Opferlamm.
"Das Blut Jesu Christi ... macht uns rein von aller Sünde" (l.
Johannes 1, 7) - im Pietismus und seinen Liedern wurden daraus wahre Blutorgien.
Seit dem späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ist die christliche
Ikonografie eine Welt von "Blut und Wunden". Die Maler und Bildner können
sich gar nicht genug tun in der grausigen Darstellung der Leiden Christi
und der unzähligen Märtyrer. Warum hängt ein sterbender
Gehenkter in alIen Kirchen und bayerischen Schulstuben - und nicht ein
Auferstandener? Warum genügt nicht ein Kreuz als das paradoxale Zeichen
der Einheit von Niederlage und Sieg, von Erniedrigung und Erhöhung?
Wieso müssen christliche Kinder vom ersten Schultag an vor Augen haben,
was Kreuzigung physisch bedeutet?
Der Grund ist: Das Christentum kann sich Glauben/Liebe/ Hoffnung nicht
ohne Blut vorstellen; je blutiger, desto authentischer. Was wäre schon
ein siegreicher gegenüber dem gegeißelten Jesus in der Wieskirche?
Sicher wäre es überzogen, diese Bilderwelt mit heutigen Gewaltvideos
zu vergleichen; die Vermutung aber, dies alles habe auch der mentalen Vorbereitung
auf die Grausamkeiten im Namen Christi gedient, lässt sich nur schwer
abweisen. Die antike Rechtspraxis der Folter wurde schließlich von
Papst Innozenz Ill. im 11. Jahrhundert wieder eingeführt und erlebte
durch die heilige Inquisition ihre perfide Vollendung. Was waren die Leiden
der Gefolterten gegenüber den in den Kirchen dargestellten? Wo immer
realistischere Cruzifixe zum optischen Alltag der Städte gehörten,
konnten Geräderte vor den Toren verenden, ohne zu irritieren. Es ist
nicht bekannt, dass das Christentum führend war bei der Humanisierung
der Strafjustiz, die letzte europäische Schauhinrichtung veranlasste
Papst Leo XII. 1825.
Waren die Passionsgeschichte und die Märtyrerlegenden nicht außerdem
die beste Einübung in die christliche Behandlung der Heiden und Ketzer?
Immer noch sollen wir glauben, der Beitrag des Christentums zu unserer
Kultur habe vor allem in der Humanisierung der heidnischen Menschen bestanden.
Diese Fabel bestimmte auch über Jahrhunderte die Vorstellung christlicher
Erziehung als einer Zähmung der als Sünder geborenen kleinen
Wilden und musste überdies zur Rechtfertigung des Kolonialismus herhalten.
In Wahrheit ist nicht bekannt, dass Kelten, Germanen oder Slaven Greuel
vom Ausmaß des Massenmords Karls des Großen an den Sachsen,
des Blutbads bei der Eroberung Jerusalems während der Kreuzzüge,
des Strafgerichts über die Katharer oder der Untaten der südamerikanischen
Eroberer begangen hätten; wenn das alles die Domestikation der "blonden
Bestie" bezeugen soll, dann bezeugt es deren Misslingen. Tatsächlich
stammt die Ritterlichkeit der Ritter aus der islamischen Welt und die Höflichkeit
der Höflinge, das heißt des Adels und des aufsteigenden Bürgertums,
aus der Wiederaneignung der Antike in der Renaissance. Hier liegen die
Wurzeln des Humanismus, dem noch zu Beginn unseres Jahrhunderts alle katholischen
Amtsträger im so genannten Anti-Modernismus-Eid abschwören mussten.
Nicht nur den Menschenrechten ohne die Kautelen der Erbsünde, sondern
auch der Menschlichkeit als Prinzip setzte das Christenturn oft tödliche
Widerstände entgegen; die Geschichte der Märtyrer des Humanismus
ist wohl noch zu schreiben.
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3. Der Missionsbefehl
Was im Christentum dem humanistischen Respekt vor dem natürlichen
Menschen von allem Anfang an entgegenstand, war der Missionsbefehl. Im
Matthäusevangelium heißt es: "Mir ist gegeben alle Gewalt im
Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker,
indem ihr sie taufet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes,
und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe" (Matthäus
28, 19). Hier werden die "Völker" nicht gefragt, ob sie getauft und
zu Jüngern,gemacht werden wollen, sondern die Taufenden dürfen
sich als Vollstrecker "aller Gewalt im Himmel und auf Erden" verstehen;
die Zwangstaufen sind dafür der Beleg.
Der Missionsbefehl ist ein Toleranzverbot, denn was anders ist, als
christlich, ist nur dazu da, getauft zu werden. Von Duldsamkeit gegenüber
den anderen brauchte freilich so lange keine Rede sein, wie die Christen
selbst eine verfolgte und geduldete Minderheit in einer heidnischen Umwelt
waren; in der Perspektive einer Kultur hingegen, die sich längst als
christliche etabliert hat, bedeutet das Missionsgebot den Auftrag zur Ausrottung
des Heidentums weltweit, das heißt die theologische Ermächtigung
zum christlichen Kulturimperialismus. Dass die Missionare selbst zunächst
friedliche Mittel bevorzugten, kann man zugeben, aber sie hatten auch nichts
dagegen, wenn nach ihnen die Händler und dann die Kanonenboote kamen.
Und wie Beispiele aus Brasilien zeigen, kommen heute erst die dollargespickten
Missionare der fundamentalistischen Sekten und dann die Ölmultis.
Das Judentum ist insofern tolerant, als es nicht missioniert, und der
Islam hat trotz seines Missionsdranges immer die beiden Schriftreligionen
Juden- und Christentum respektiert; so blühte die jüdische Kultur
unter muslimischer Herrschaft, und die orthodoxen Völker konnten im
Osmanischen Reich immerhin im kirchlichen Raum ihre kulturelle Identität
bewahren. Religiöse Toleranz ist keine christliche Tugend, denn sie
verstößt gegen den Missionsbefehl. Das kirchliche Misstrauen
gegen Lessings Nathan war wohlbegründet, denn die Möglichkeit
einzuräumen, dass die Juden oder die Muslime den echten Ring besitzen
könnten und nicht die Christen, bedeutete den Einbruch der Skepsis
in die kirchenoffizielle Glaubensgewissheit der einen und einzigen Wahrheit.
Wo das Christentum tolerant wird, hat es sich in Wahrheit schon aufgegeben,
auch wenn es dann noch als Privatangelegenheit fortlebt oder als eine moralische
Grundhaltung, zu deren Begründung die Bibel entbehrlich ist.
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4. Der christliche Antijudaismus
Die christliche Judenfeindschaft hat ihre Wurzel in den Evangelien,
während im Umkreis von Paulus davon kaum die Rede ist. Sie ist ursprünglich
eine innerjüdische Angelegenheit, denn die Evangelisten sammeln frühestens
drei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu judenchristliche Berichte über dessen
Leben und Sterben, und die kommen darin überein, die Hohepriester
und Schriftgelehrten sowie das von ihnen angestachelte Volk für die
Kreuzigung verantwortlich. zu machen. Es sind also zunächst getaufte
Juden, die Juden anklagen, den wahren Messias verkannt zu haben.
Während es Markus und Lukas bei der Beschuldigung des orthodoxen
Judentums belassen, geht Matthäus zum christlichen Antijudaismus über.
Was heute noch jeden christlichen Hörer von Bachs Matthäuspassion
erstarren lassen sollte, ist das, was das ganze Volk dem Pilatus antwortet,
als der seine Hände in Unschuld wäscht und sagt: "Ich bin unschuldig
an dem Blut dieses Gerechten!" - "Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder!" Geschrieben ist dies nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems
durch die Römer im Jahre 70, und dieses Ereignis gilt dem frommen
Evangelisten als Erfällung jenes unfrommen Wunsches; zuvor hatte er
Jesus die Katastrophe des palästinensischen Judenturns ausführlich
prophezeien lassen (Matthäus 23 und 24). Es handelt sich hier um eine
der zahlreichen Varianten des Schemas Verheißung-Erfüllung,
mit denen das Matthäusevangelium seinen Judengenossen das Christentum
nahe bringen wollte. Was den Juden in Jerusalem von den Römern geschah,
erscheint als gerechte Folge der Selbstverfluchung eines ganzen Volkes,
durch die es nach Matthäus die Schuld am Tode Jesu ausdrücklich
auf sich genommen haben soll und fortwirkt in alle Ewigkeit. Also nicht
bloß der Bericht aller Evangelien, dass Juden die Kreuzigung betrieben
hätten -Johannes spricht an dieser Stelle nur noch von "den Juden"
- ist schon ein hinreichendes Motiv der christlichen Judenfeindschaft,
erst die Behauptung, "die" Juden hätten doch selbst das Blut Jesu
heraufbeschworen, verschaffte den christlichen Judenverfolgungen ein gutes
Gewissen. So zieht sich von jener Blut-Stelle des Matthäus eine Blutspur
über die ungezählten Judenpogrome im christlichen Europa bis
hin zum rassistischen Antisemitismus als dem säkularen Erbe des religiösen
Antijudaismus. Der Holocaust war ohne das Christentum nicht möglich,
viele Christen haben sich daran ohne schlechtes Gewissen beteiligt, und
die katholische Kirche hat dazu geschwiegen; zu diesem Schweigen schweigt
der Papst bis heute.
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5. Die christliche Eschatologie
Das wohl schrecklichste Erbe des Neuen Testaments ist die so genannte
Offenbarung des Johannes, die alle Ansätze christlicher Eschatologie
im Neuen Testament zusammenführt und dramatisiert. Nichts hat seit
zwei Jahrtausenden die Menschen des Abendlandes so kontinuierlich in Angst
und Schrecken versetzt wie dieses Buch. Fast jedes Kathedralportal und
viele Tafelbilder bezeugen dies, vor allem aber das uralte Dies irae aus
der Totenmesse, in dem die ausführliche Schilderung des Grauens der
Apokalypse nur unterbrochen wird durch das wimmernde Flehen um Erbarmen.
Jahrhundertelang haben die Menschen im Schatten dieser Panikvisionen gelebt.
Die wissenschaftliche Auskunft, Apokalypsen seien um die Zeitenwende eine
verbreitete Literaturgattung gewesen und schließlich habe auch eine
jüdische Eschatologie existiert, vermag nichts gegen die katastrophale
Wirkungsgeschichte des letzten Buches der Bibel.
Zwischen der jüdischen und der christlichen Eschatologie bestehen
wichtige Unterschiede. Die Messiashoffnung der Propheten ist in ihrem Kern
eine politische und bezieht sich bei Jesaja auf die Wiederaufrichtung des
Reiches Davids. Trotz des Transports dieses Motivs ins Weltgeschichtliche
bleibt es auch bei Daniel beim Ethnozentrismus. "...im Reich, Gewalt und
Macht unter dem ganzen Himmel wird dein heiligen Volk des Höchsten
gegeben werden, des Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und
gehorchen" (Daniel 7, 27). Zugleich fließt hier schon das altägyptische
und platonische Motiv eines Totengerichts auf der Grundlage von "Büchern"
mit ein, das sich aber auf ganze Völker bezieht (Daniel 7, 10 und
4 ff). Genau dies greift die christliche Apokalypse auf (Offenbarung 20,
11 ff), um es sofort zu individualisieren, das heißt, die ganze Bürde
des "Jüngsten Gerichts" lastet jetzt auf jedem Einzelmenschen, der
sich dabei dem "feurigen Pfuhl" (V. 15) als künftiger Alternative
ausgesetzt sieht. Damit erzeugt die christliche Apokalypse einen ungeheuer
verstärkten eschatologischen Druck. So hat sich hier das Christentum
ein Instrumentarium unablässiger Verunsicherung und Disziplinierung
der eigenen Leute geschaffen, durch das es ständig den Ausweg aus
von ihm selbst erzeugten Ängsten verheißt, um sie im gleichen
Atemzug erneut zu schüren; jede Feier des Requiems folgt diesem Mechanismus.
Nur so ist zu erklären, warum sich so viele Menschen über so
viele Jahrhunderte von der Offenbarung des Johannes terrorisieren ließen.
Die christliche Eschatologie hat auch politisch gewirkt: in der Gestalt
eschatologischer Politik von Christen und Nichtchristen. Sektenführer
versuchten, selbst die Apokalypse herbeizuzwingen und zu vollstrecken,
und Tausende sind ihnen dabei in den Tod gefolgt; die Ahnenreihe reicht
von mittelalterlichen Sektierern, über Savonarola und die Täufer
bis zu den religiös motivierten kollektiven Selbstmorden unserer Tage.
Die Zahl der Opfer eschatologischer Politik unter Bedingungen der Profanität
hingegen geht in die Millionen; dabei handelt es sich um Versuche, den
endgültigen Sieg des Guten und die definitive Vernichtung des Bösen
Gott aus der Hand zu nehmen und mit menschlichen Mitteln zu erreichen.
Die unvermeidbare Konsequenz ist Terror.
Natürlich macht es keinen Sinn, den "Seher von Patmos" für
die apokalyptischen Untaten Lenins, Stalins, Pol Pots oder Hitlers verantwortlich
zu machen, aber die Christen sollten sich doch fragen, wie sie es mit der
Eschatologie halten wollen. Liegt nicht in der Verheißung: "Gott
wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht
mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das
Erste ist vergangen" (Offenbarung 20,4) eine ständige Versuchung,
hier Gott durch einen modernen Götzen zu ersetzen - gemäß
Blochs Diktum "Ubi Lenin ibi Jerusalem" - und dann die Preise zu verschweigen,
die man zahlen muss? In der Bibel haben die in den feurigen Pfuhl geworfenen
Gottlosen die Zeche zu zahlen; nach dem Abschied von der Religion waren
die an der Reihe, die im Zeichen von "Endlösungen" die Hölle
auf Erden durchleiden mussten. Wäre es nicht christlicher, die Eschatologie
unter das biblische Bilderverbot zu stellen?
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6. Der Import des Platonismus
Ein besonders folgenreicher Geburtsfehler des Christentums ist der
Import des Platonismus, der durch die Anstrengungen , der Kirchenväter
erfolgte, ihren Glauben der hellenistischen Welt als die überlegene
Philosophie zu präsentieren. Das Resultat war eine ontologische Aufspaltung
der Wirklichkeit in Diesseits und Jenseits sowie der Leib-Seele-Dualismus.
Beide Denkmodelle, die Platon in neuplatonischer Vermittlung repräsentieren,
bestimmen das christliche Denken bis heute, obwohl sie in Wahrheit mit
dem Kernbestand des Alten und Neuen Testaments unvereinbar sind.
Im jüdischen Denken gibt es zunächst nur das Diesseits, das
heißt die Gegenwart - und ihre Vorgeschichte -, es kennt ursprünglich
auch kein Leben nach dem Tod, denn die Verheißungen Gottes beziehen
sich noch bei Hiob nur auf das irdische Leben und die Nachkommen. Durch
die prophetische Eschatologie kommt dann ein Jenseits hinzu, aber das verhält
sich zum Diesseits wie die Zukunft zur Gegenwart. Dem Christentum zufolge
ist zwar dieses Zukünftige schon "erschienen" - als der paradoxe Messias
am Kreuz -, aber es wird wiederkommen in der Parusie Christi als Weltenherrscher.
Die Frage, wo sich Christus in der Zwischenzeit aufhält, wird mit
dem Verweis auf den "Himmel", das heißt auf ein höheres Stockwerk
der einen Wirklichkeit beantwortet, zu dem Jesus hinaufgefahren sei und
von dem er wieder herabkommen werde; zuvor sei er "hinabgestiegen in das
Reich der Toten", also ins Kellergeschoss. Im Zuge der Hellenisierung des
Christentums aber wird aus jener Ebenendifferenz von Diesseits und Jenseits
eine Artdifferenz, das heißt beide Sphären sollen sich wie Platons
reale und ideale Welt zueinander verhalten. So entstanden auch im christlichen
Platonismus die Ontologie der "Hinterwelt" und die Tendenz zur Verleumdung
des Diesseits, die dann Nietzsches langen Zorn auf sich zog.
Beide Arten der Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits, die
topologische und die ontologische, haben im Christentum stets in einem
niemals wirklich ausgetragenen Konflikt gelegen: Wenn das Nizänum
Gott den "Schöpfer, des Himmels und der Erde, des Sichtbaren und Unsichtbaren"
nennt, konnte man unter dem Unsichtbaren stets, sowohl eine geografisch
höhere und deswegen unseren Augen entzogene Sphäre der einen
von Gott geschaffenen Wirklichkeit verstehen oder den platonischen kósmos
noetós - die bloß denkbare Welt. Die Entwicklung der Kosmologie
in der Neuzeit hat aber das topologische Modell vollends unglaubwürdig
werden lassen, obwohl die Christen in der Welt in der Deklamation des Credo
immer noch an ihm festhalten; damit blieb nur der platonische Ausweg, das
heißt die Spiritualisierung des Jenseits, wenn man an ihm festhalten
wollte. Wo sollte man auch hin mit einer Utopie, die schon erschienen ist?
Das Nirgendwo muss dann doch irgendwo sein, und wenn es nicht "oben" ist,
dann kann es nur im Geiste existieren. Damit aber wurde die geistige Welt
zur angeblich einzig wahren "umgelogen" (Nietzsche).
Das Unheil der christlich-platonischen Diesseits-Jenseits-Unterscheidung
besteht darin, dass durch sie die reale Welt zum bloßen Schein herabgesetzt
und normativ entwertet wurde. Die neuzeitliche Aufklärung war wesentlich
bestimmt durch die Idee der Rehabilitierung der wirklichen Wirklichkeit.
Die kirchlichen Anwälte des Jenseits sollten nicht länger das,
was es wirklich gibt, für ihre Machtzwecke instrumentalisieren dürfen;
mit der Zwei-Reiche-Lehre und dem "Es wird euch im Himmel wohl belohnt
werden" als Herrschaftslegitimation sollte Schluss sein. Am Ende dieses
Prozesses zeichnet Nietzsche nach, wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel
wurde, und triumphiert: "...mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare
abgeschafft."
Der Import des Platonismus führte im Christentum aber nicht nur
zur Denunziation der Realität, sondern zu einer dualistischen Anthropologie
mit fatalen Konsequenzen. Das "Menschenbild" des Judentums und der frühen
Christen ist monistisch; was Luther mit Seele übersetzt, ist die Lebendigkeit
des Geschöpfs "Mensch", von Gott gemacht aus einem "Erdenkloß"
und verlebendigt durch das Einblasen des "lebendigen Odem" in seine Nase
(l. Mose 2, 7). In diesem Sinne lehren die Apostel die "Auferstehung des
Fleisches", also des ganzen Menschen; selbst im Credo ist nur (wie schon
bei Daniel) von der Auferstehung der Toten die Rede, aber nicht von der
Unsterblichkeit der Seele, die den platonischen Leib-Seele-Dualismus voraussetzt.
Gleichwohl wurde diese unbiblische Gedankenfigur im Christentum zu einer
kulturellen Selbstverständlichkeit: Der christliche Platonismus bedeutete
nicht nur im Kosmos, sondern auch im Menschen die normative Herabsetzung
der Wirklichkeit, das heißt seiner Leiblichkeit. Das Ergebnis ist
die systematische Leibfeindlichkeit der christlichen Tradition, wie sie
sich besonders in der repressiven Sexualmoral der Kirchen forterbte.
Natürlich predigt schon Paulus asketische Ideale, aber die stehen
bei ihm noch ganz im Kontext der Naherwartung der Wiederkehr Christi (l.
Korinther 7); sonst hätten sie dem Juden Paulus ganz fern gelegen.
Das Judentum kennt keine Leibfeindschaft; gutes Leben und erfüllte
Sexualität sind da gute Gaben Gottes, für die Gott freilich auch
eine gute Ordnung erlassen hat. Erst der Import des Platonismus hat im
Christentum die menschliche Leiblichkeit vergiftet. Diese Lebensform lebt
im Zölibat fort, in dessen Geschichte die kirchenpolitische Verhinderung
priesterlicher Dynastiebildung allmählich zu einem besonderen geistlichen
Gut umfunktioniert wurde. Es wird immer wieder behauptet, die Frauen seien
durch das Christentum aufgewertet worden, und das ist wohl wahr; was den
Umgang von Jesus mit ihnen betrifft, in einer Welt, in der Religion Männersache
war. Aber welche Verachtung der Weiblichkeit liegt im Mythos der Jungfrauengeburt
und im Ausdruck "unbefleckte Empfängnis", so als seien Empfängnis,
Geburt und überhaupt weibliche Sexualität etwas Schmutziges und
des "reinen" Gottessohnes Unwürdiges. In diesem Sinne hat das Christentum
das Weibliche nur als das Jungfräuliche und deswegen "Reine" zu schätzen
gelehrt. Neben der katholischen Sexualmoral, die in der Frage der Geburtenregelung
längst in blanken Zynismus übergegangen ist, sollten wir aber
die pietistische nicht vergessen, die sich ohne Außenstützen
wie Beichte und Absolution ungleich effektiver ins Innere der Menschen
einbohrte und viele zu psychischen Krüppeln machte. Die platonische
Leib-Seele-Schizophrenie ging in manifeste Krankheit über.
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7. Der Umgang mit der historischen Wahrheit
Oben war von der besonderen Bedeutung des Matthäusevangeliums
für den christlichen Antijudaismus die Rede; es ist überdies
ein bemerkenswertes Beispiel für den Umgang der frühen Christenheit
mit der historischen Wahrheit, denn der Bericht von der Selbstverwünschung
der Juden ist ja nicht die einzige strategische Erfindung, die sich im
Neuen Testament findet. Unter den Evangelien tut sich dabei das Matthäusevangelium
besonders hervor, ihm ist fast jedes Mittel recht, den Judengenossen Jesus
als den wahren Messias vor Augen zu stellen. Zu diesem Zweck wird das Alte
Testament geplündert, und was sich dort in irgendeiner Weise als messianische
Verheißung auffassen lässt, wird dann in der Biografie Jesu
als erfüllt behauptet - nach dem Schema: "Auf daß erfüllet
werde die Schrift ...". So wurde Jesus wegen Micha 5, 1 in Bethlehem geboren,
wegen 4. Mose 24, 17 musste da ein Stern aufgehen, wegen Psalm 72, 10 und
15 und Jesaja 60, 6 mussten die Weisen aus dem Morgenland kommen, und wegen
Hosea 11, 1 musste die Heilige Familie nach Ägypten geflohen sein.
Jeremia 31, 15 ist die Raison d'etre des Bethlemitischen Kindermordes -
eines unfassbaren Ereignisses, dessen sich nach zwei Generationen die Zeitgenossen
bestimmt noch erinnert hätten, handelte es sich dabei nicht um eine
dreiste Fiktion. Dass der sterbende Jesus Worte des Alten Testaments zitiert
habe, könnte wahr sein, aber dass in seiner Sterbestunde der Vorhang
im Tempel zerrissen sei, die Erde gebebt habe und Tote den Lebenden erschienen
seien (Matthäus 27, 51 ff), dafiir gäbe es ganz sicher unabhängige
Zeugen, wäre dies nicht auch eine Legende. Das Ganze verliert dort
aber endgültig seine Unschuld: "...sondern der Kriegsknechte einer
öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser
heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist
wahr, und dieser weiß, daß er die Wahrheit sagt, auf daß
ihr glaubet" (Johannes 19, 34 f). Hier wird absichtlich und zweckrational
gelogen: Es wird etwas berichtet als eine weitere Erfüllung alttestamentlicher
Verheißungen mit der ausdrücklichen Beteuerung der Wahrheit,
die im Fall der schlichten Wahrheit entbehrlich wäre.
Bestimmte Neutestamentler werfen einem an dieser Stelle Naivität
und unhistorisches Denken vor, wir sollen also so unnaiv sein zu glauben,
die Evangelisten hätten eben ein naives Verhältnis zur historischen
Wahrheit gehabt. Darauf sei es ihnen gar nicht angekommen, sondern sie
hätten überlieferte Jesusworte aufgenommen und daran Wundergeschichten
angelagert - und Wunder seien damals nichts Besonderes gewesen; was hätten
sie denn sonst predigen sollen als Worte des Alten Testaments? Nun, gerade
das Lukasevangelium bemüht sich um eine Lokalisierung des Jesus-Geschehens
in der profanen Geschichte, und es widerspricht der Lehre von der Fleischwerdung
Gottes, das Fleischgewordene in lauter Fiktionen aufzulösen. Jesus
muss darum eine historische Figur gewesen sein, und denen, die über
ihn berichteten, war der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge bekannt.
Wie konnten sie dann glauben, historische Unwahrheiten taugten besonders
zur Verbreitung der christlichen Wahrheit.
Der strategische Umgang mit der historischen Wahrheit um einer höheren
Wahrheit willen ist ein Erbübel des verfassten Christentums. Da haben
die Evangelisten Tatsachen erfunden, und bis in unsere Tage war es Christen
streng verboten, sie auch nur zu bezweifeln. Die Geschichte der rationalen
Bibelkritik seit der frühen Neuzeit zeigt, wie das starre Festhalten
an den biblischen Tatsachenwahrheiten die Glaubwürdigkeit der christlichen
Botschaft insgesamt beschädigte. Noch heute versuchen die Amtskirchen,
die theologische Aufklärung des Kirchenvolkes zu verhindern. Das ist
sogar verständlich, denn was bleibt vom "Kern" des Christentums übrig,
wenn man seine fiktiven Schalen entfernt? Was bleibt von der Auferstehung,
wenn man das leere Grab auf sich beruhen lässt? Paulus sagt. "Ist
aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist
auch euer Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfunden als falsche
Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte
Christum nicht auferweckt ..." (l. Korinther 15, 14 f.). Predigt und Glaube
dürfen aber nicht vergeblich und das Zeugnis darf nicht falsch gewesen
sein, also war das Grab leer.
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8. Christentum heute?
Wenn das Christentum einmal seine sieben Geburtsfehler hinter sich
gelassen haben sollte, wird von ihm fast nichts übrig geblieben sein;
vor allem wird es sich dann kaum noch von einem aufgeklärten Judentum
unterscheiden lassen. Was im Christentum etwas taugt, ist ohnehin jüdisch.
Jesus war ein frommer und radikaler Jude, wie wäre es, wenn die Christen
wieder "jesuanisch" würden? Die Kirchen predigen die Erbsünde
ohnehin nur noch in spiritualistischer Verdünnung; da ist zum Judentum,
das die angeborene Schwäche des Menschen sehr wohl kennt, kein Unterschied
mehr. Die Rechtfertigung durch den Glauben kann man auch ohne den blutigen
Rechtshandel Gottes mit sich selbst allein auf der Grundlage des Alten
Testaments predigen, denn schon Paulus zitiert immer wieder den Propheten
Habakuk. "Der Gerechte wird seines Glaubens leben" (Römer 1, 17).
Den Missionsbefehl könnten die Christen abschwächen zur Aufforderung,
die Welt im Geiste der Toleranz mit dem eigenen Glauben bekannt zu machen;
genau dies haben die jüdischen Gelehrten stets getan. Damit wäre
auch der Antijudaismus erledigt. Was die Eschatologie betrifft, so könnten
Juden wie Christen es Gott überlassen, was am Jüngsten Tag geschieht;
Hoffen ist freilich eine jüdische und eine christliche Tugend. Auch
sollte das Christentum von seinen platonisierenden Ausflügen endlich
zurückkehren und seine Dualismen ersetzen durch eine Philosophie der
einen Welt und des ganzen Menschen, die uns das Judentum vorzeichnet.
Fraglich ist, ob es das Christentum überleben kann, sein Verhältnis
zur historischen Wahrheit im modernen Sinne wirklich zu ordnen. Die bloß
allegorischen oder gar symbolischen Deutungen der biblischen Berichte haben
sich längst als Sackgassen erwiesen. Die Nachgeschichte des Bultmannschen
Entmythologisierungsprogrammes zeigt überdies, welche Leere sich auftut,
wenn man Kernaussagen des Christentums nur noch "existenziell" interpretiert.
Was, soll man denn noch glauben, wenn man in der Schriftreligion "Christentum"
nichts mehr wörtlich nehmen kann? Adorno meinte einmal, die Bitte
um das tägliche Brot mache Sinn in einer bäuerlichen Welt, aber
nicht angesichts von Brotfabriken. Wenn in unseren Gesangbüchern Gebete
um Regen stehen, machen sie damit nicht den christlichen Gott zu einem
heidnischen Wetterdämon? Ein Kirchenlied behauptet: "Es kostet viel,
ein:Christ zu sein". Das ist wahr, wenn man die unausgesetzten Forderungen
und Vorschriften bedenkt, mit denen die Kirchen ihre Glieder traktieren.
Aber was wäre de Gewinn, der Mehrwert solcher Kosten? Was kann uns
das Christentum versprechen? Nachdem wir uns nicht mehr mit dem "feurigen
Pfuhl" Angst machen lassen, wollen wir uns auch nicht auf die ewige Seligkeit
vertrösten lassen; ein glückliches Leben in dieser Welt genügt
uns. Wie sagt Heine?: "... den Himmel über uns lassen wir den Engeln
und den Spatzen."
Ich habe den Eindruck, das das verfasste Christentum in der modernen
Weit sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne
dies bemerkt zu haben. Kirche als moralische Anstalt und als soziale Veranstaltung
- das verdient Respekt und Unterstützung. Die Kirchen sind nicht zufällig
leer; denn wer versteht schon die Predigten, Bibel- und Liedertexte? In
Wahrheit haben die Kirchen nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen.
Das Christentum hat unsere Kultur auch positiv geprägt, das ist wahr,
wenn auch seine kulturelle Gesamtbilanz insgesamt verheerend ausfällt;
seine positiv prägenden Kräfte haben sich erschöpft oder
sind übergegangen in die Energien eines profanen Humanismus. Der neuzeitliche
Aufklärungsprozess folgte dabei selbst einem christlichen Gebot -
dem der Wahrhaftigkeit - und damit einer "zweitausendjährigen Zucht
zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott
verbietet" (Nietzsche). Erst in seinem Verlöschen könnte sich
der Fluch des Christentums doch noch in Segen verwandeln.