Predigt am Sonntag Trinitatis über Röm 11, 33-36
Liebe Gemeinde!
Dreiblättrige Kleeblätter - wie gewöhnlich! Hätten
wir jetzt nicht lieber vierblättrige in den Händen? Nach altem
Volksglauben sollen sie es doch sein, die Glück bringen. Warum also
drei? Um das beliebte Abzählspiel zu spielen: "Sie liebt mich, sie
liebt mich nicht"? (Bei drei übrigens mit verheißungsvollerem
Ausgang als bei vier Blättern - probieren Sie es aus! So viel zum
Thema: Vierblättrige bringen Glück.) Aber Spaß beiseite:
Natürlich hat das hier und jetzt etwas mit dem Geheimnis der Allerheiligsten
Dreifaltigkeit zu tun: Der schlichte Klee führt uns vor Augen, wie
drei doch eins sein können - drei Blätter, eine Pflanze. Seit
alters ist das Kleeblatt deshalb ein Symbol für den christlichen Gottesbegriff,
die Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit oder lateinisch: Trinität. Oder
dogmatisch korrekt gesprochen: Eine göttliche Wesenheit in drei Personen.
Aber läuft der christliche Trinitätsgedanke wirklich auf das Rätsel hinaus, wie drei zugleich eins sein können? Das wäre ja leicht zu veranschaulichen, eben mit Hilfe eines schlichten Kleeblattes oder modern: mit Geschirreiniger-Tabs. Wer einen Geschirrspüler hat, kennt ja die Variante 'drei in eins'. - Doch gibt es ja in dem Bereich auch schon 'vier in eins' - ebenso wie vierblättrige Kleeblätter (und hat man bei drei göttlichen Personen und einem göttlichen Wesen nicht auch schon eine Vierheit?) - so daß es so aussieht, als wäre die Veranschaulichung beliebig, als könnte man jedes Zahlenspiel in einem Symbol ausdrücken. Zum Verständnis des christlichen Gottesgedankens wäre damit nichts gewonnen. - Zu denken gibt da schon eher die moderne Verwendung des Ausdrucks Trinität: Die Amerikaner nannten ihre erste Wasserstoffbombe Trinity. Ist das nun Gotteslästerung - oder Ausdruck dessen, daß die massive Zerstörungskraft dieser Waffe die Erde wirklich in ihren Grundfesten erschüttern könnte?
Trinity ist auch der Name der geheimnisvollen Schönheit in den Matrix-Filmen, die bei der Befreiung der Menschen aus der Sklaverei der Maschinen hilft. Nach Ansicht der Filmkritik stehen dabei religiöse Motive wie der Auszug aus Ägypten und der Messiasgedanke Pate. Trinität - um das zu verstehen, sollte man da also nicht eher - wie die Leute vom Film das tun - eine Geschichte erzählen?
Genau das macht Paulus im Zusammenhang unseres heutigen Predigttextes:
Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller
erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der
Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich
seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder
wer ist sein Ratgeber gewesen?« (Jesaja 40,13) Oder »wer hat
ihm etwas zuvor gegeben, daß Gott es ihm vergelten müßte?«
(Hiob 41,3)Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei
Ehre in Ewigkeit! Amen.
Der Predigttext - eine Reihe von Jubelrufen, ein Bekenntnis zu Gottes Handeln. Über Jubel läßt sich schlecht predigen, in Jubel sollte man einstimmen - wenn man kann und weiß, warum. Was also veranlaßt Paulus, in diesen Jubel auszubrechen?
Paulus hat in seinem Brief an die Christen in Rom in den vorausgehenden
Kapiteln den Weg Gottes mit Israel bedacht. Gott hat es zu seinem
Volk erwählt, es aus der Gefangenschaft herausgeführt, ihm sein
Gesetz gegeben. Dieses Volk aber hat Jesus nicht als den Messias anerkannt
- nicht das ganze Volk zwar, aber seine Führer. Sie haben die Christen
verfolgt - Paulus ist selbst ein Beispiel dafür. Was wird nun aus
den Juden, die Gott versprach, wie seinen Augapfel zu hüten? Verwirft
er sie? Paulus deutet den Gang der Geschichte: Zwar ist nur ein kleiner
Teil des Volkes zum Glauben an Jesus als den Messias gelangt, aber dafür
sind viele Nichtjuden zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Die Heiden
machen Israel vor, was auch seine Bestimmung ist: Auch ganz Israel
soll gerettet werden.
Darum warnt Paulus die Heidenchristen vor Überheblichkeit gegenüber
den Juden. Im Gegenteil, sie sollten ihnen dankbar sein: Weil nämlich
Israel Jesus abgelehnt hat, ist die Frohe Botschaft rasch zu ihnen gelangt.
Israels Unglaube hat den Glauben verbreitet. Daraufhin bricht Paulus in
begeisterten Jubel aus: Was für ein Gott! Wie wunderbar sein Wege!
Wie machtvoll sein Handeln!
Liebe Gemeinde! Wir alten Heiden sollen dem Unglauben Israels zu Dank verpflichtet sein? Was für ein Gedanke! Das klingt doch absurd, als ob Unglaube und Sünde keine Konsequenzen hätten. Natürlich hat der Unglaube Konsequenzen, er trennt ja von Gott, er ist ja die Trennung von Gott; aber - so Paulus - von Gott her wird diese Trennung auf die Dauer nicht bleiben. Im Blick auf das weitere Schicksal Israels sagt Paulus hier: Gott selbst wird ihre Sünde, also ihren Unglauben wegnehmen. Paulus bekennt Gott als den Herrn auch über den Unglauben. Er macht dazu keine allgemeine Aussage über Gottes Pläne - die sind und bleiben unerforschlich - er deutet den konkreten geschichtlichen Weg mit dem Volk der Juden. Und da kann er dann sagen: Der Unglaube Israels hat das Evangelium von Jesus Christus in alle Welt gebracht. Und: Es wird zu den Juden zurückkehren.
Und es kehrt zu ihnen zurück: In den USA und in einigen Dörfern Israels leben Juden, die Jesus als den Messias bekennen. Anläßlich einer Taufe habe ich vor Jahren eine von ihnen kennengelernt. "Ob sie Taufpatin sein könne?" fragte sie mich, sie gehöre einer Art Freikirche an und sei Jüdin. Und dann stellte sich heraus, daß sie getauft ist und zu diesen Messianic Jews, den messianischen Juden, gehört. Angesichts der Geschichte von Juden und Christen sei das Leben für sie nicht leicht, erzählte sie, von jüdischer und von christlicher Seite würden sie als Unruhestifter betrachtet, aber die ersten Christen seien schließlich alle wie sie gewesen, nämlich Juden, die den Juden Jesus als den Messias, den Herrn erkannt und bekannt hätten.
Wir können nun auch an andere Erlebnisse denken - als Beispiele
dafür, wie inmitten all des Unglaubens um uns herum auf einmal Glaube
auftaucht:
Die Mutter:"In meiner Familie bin die die Einzige, die noch an Gott
glaubt - und darum lasse ich meine Tochter jetzt taufen."
Der Angestellte: "An meinem Arbeitsplatz sind alle aus der Kirche ausgetreten
- aber ich weiß gar nicht, warum ich das tun soll?"
Der Konfirmand - schwierig, widerspenstig, ein Rabauke, wie man so
sagt - aber fast der einzige, der rundweg sagt: "Ich glaube an Gott."
Da staunt man bloß. Oder sollten wir mit Paulus sagen: "O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege"? Jedenfalls machen diese Beispiele und die Berufungsgeschichte Israels deutlich: Der Glaube an Jesus als den Christus ist eine Gabe Gottes. Deutlicher gesagt: Es ist Gott selbst, sein Geist im Menschen, der diesen Glauben schafft, den Glauben, daß Jesus, der Gekreuzigte, lebt als unser Herr, den Glauben, daß wir von Gott nicht mehr getrennt leben. - Und das ist der Ursprung des Trinitätsgedankens.
Denn die Christen haben dieses Handeln Gottes auf einen Begriff gebracht:
Gott ist Vater, Sohn und Geist. Der Sonntag Trinitatis feiert dieses Geheimnis
von Gottes Handeln und Wesen: Wir werden zusammengerufen, getauft und gesegnet
im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir richten
unsere Gebete an Gott, den Vater, durch den Sohn im Heiligen Geiste. Wir
bekennen den einen Gott in den drei Personen. - Und das macht uns zu seiner
Kirche, zu einer Gemeinde Jesu Christi. Das unterscheidet uns von allen
anderen Religionen, die auch einen Gott verehren - also nicht das Gedankenrätsel,
wie drei doch eins sein können (das ist leicht zu lösen), sondern
die Erfahrung, wie geheimnisvoll dieser Gott ist. Der Gedanke vom dreieinen
Gott bringt die unterschiedlichen Erfahrungen mit ihm und seinem befremdlichen
Handeln auf den Punkt.
Gott läßt sich eben nicht festlegen - nicht einmal auf die
Zahl Eins. Christliches Zählen von Gott geht so: 1+1+1=1. Gott ist
auch nicht entweder nur oben oder unten - und auch nicht einfach nur überall,
sondern er ist das bleibende Geheimnis der Welt: einheitlicher Grund aller
weltlichen Gegensätze, sichtbargeworden im Menschen Jesus von Nazareth,
in uns lebendig als der Geist, der uns an Jesus als den Christus glauben
läßt. Wer das ernst nimmt und dann anfängt zu denken, kann
von Gott nicht mehr so sprechen wie Judentum und Islam. Christlicher Monotheismus
ist nicht monoton, der dreieine Gott ist voller Leben. Er will, er kann
nicht allein sein. Er bringt Leben hervor, seine Kirche.
Darum gehört zu den traditionellen Erkennungszeichen für die Christen - Kreuz, Fisch, Schiff - auch das dreiblättrige Kleeblatt, als Symbol für die göttliche Dreieinigkeit. In vielen Kirchen ist es zu finden: als Rosette in Stein gehauen, in Kirchenfenstern, manchmal sogar in ihrem Grundriß. Nehmen wir es uns heute mit nach Hause, als Bekenntnis zu diesem Gott.
Es müssen also keine vier Glückskleeblätter sein - der
schlichte Klee bringt mehr.
Amen.