Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias über Mk 4, 35-41
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Liebe Gemeinde!
Auch Sie suchen den Superstar? Hier ist er: Der Evangelist Markus zeigt
ihn - allerdings nicht uns, sondern der Alten Welt, dem Alten Europa: Jesus,
den Retter im Sturm. Auf ihn will er die Menschen seiner Zeit neugierig
machen. Darum bewegt er sich mit seiner Erzählung von der Beschwörung
des Seesturms im Fahrwasser antiker Superheldentradition.
Vielfach haben Juden und Griechen von wunderbarer Errettung aus Seenot erzählt, von Odysseus beispielsweise - oder jenem Kind, das eine Seereise machte: Als ein Sturm das Schiff in Not bringt, rufen alle Heiden zu ihren Göttern - vergebens. Erst auf das Gebet des jüdischen Kindes hin schweigt der Sturm. So erzählt man sich Erfolgsgeschichten vom eigenen Glauben. Sich? Nein, vor allem den anderen, den Mitbürgern in der antiken Welt der Wunder. So erzählt auch Markus, der in Jesus seinen Retter gefunden hat - und ihn nun als den Mann Gottes aller Welt vor Augen stellt. Markus liefert Frage und Antwort: Frage: Wer ist der? Antwort: Der, dem auch Wind und Meer gehorsam sind.
Als Ñmoderneì Menschen haben wir zwar durchaus Sinn für Superhelden
nach Art der hellenistischen Antike - Superman und seine Verwandten sind
Ikonen der Popkultur, antike Mythen leben wieder auf - aber Jesus als Wundermann?
Im Ernst: Muß man sich damit heute noch befassen? Schon mein Religionslehrer
ging lieber schnell zur sogenannten eigentlichen Bedeutung der Geschichte
über: Die Stillung des Seesturms galt ihm als ÑNaturwunder aus göttlicher
Allmacht, eine konventionelle Erzählung aus der alten Welt der Wunder,
nicht aus der Erinnerung von Augenzeugen stammend, sondern aus den Gewohnheiten
der Erzähler erwachsen, nach fremden Vorbildern auf Jesus übertragen.ì
So lautete die moderne Deutung. Und wir haben damals verstanden: Daran
muß man nicht glauben.
Galiläa, Winter 1995. Am ersten Tag nach Ankunft unserer Reisegruppe
ist das Wetter am See schlecht, die Wellen schlagen hoch. Nur einer von
uns traut sich ins rauhe Wasser. Am nächsten Tag: Strahlender Sonnenschein.
ÑJetzt fahrn wir überën Seeì, ruft der israelische Guide. Wir steigen
ins Boot: ein Nachbau der Fischerboote zur Zeit Jesu, im Maßstab
10:1 vergrößert, eine Touristenattraktion - Möwenfüttern
inklusive. Dankbar (denn sonst hätte man nicht fahren können)
hört die Gruppe die Erklärung von der Stillung des gestrigen
Seesturms : ÑHier gibt es plötzlich auftretende Fallwinde, alles ganz
normal, die kommen und gehen.ì Die heutige Flaute kommt hoch erwünscht
- und wird unterstrichen: Motor aus. Stille. Alles schweigt und genießt
die Sonne, mitten im Dezember.
Da ergreift ein Mann aus Guatemala das Wort und erzählt mit leisen Worten, doch lebendig und farbig das Evangelium von der Stillung des Seesturms: Ñ... una gran calma.ì Bei aller Inszenierung - das hat was. Unsere Gruppe wird aufmerksam, ist gepackt. Für die nicht Spanisch Sprechenden muß ich die Geschichte noch einmal auf Deutsch vorlesen. Bloß Fallwinde, die kommen und gehen? Wir Berliner, eine bunte Truppe aus Christen und Atheisten - ein Jude und eine Muslima sind auch dabei - wir sinnen der Stille nach: Ñ... una gran calma.ì Als wir den Rest der Gruppe, denen die Bootsfahrt ein zu teures Touristenspektakel war, wiedertreffen, sind die ganz verwundert über unsere Stimmung. ÑSagt mal, kommt ihr aus der Kirche?ì Beim Mittagessen - natürlich Petersfisch - hat der Alltag uns wieder. Für einen Moment, im Erlebnis, hatten wir hinter die Barriere unserer modernen Erklärungen geschaut.
Treten wir auch jetzt einmal mutig dahinter!
Schlicht und ohne Schnörkel erzählt Markus hier: Jesus ist der Herr über die todbringenden dämonischen Mächte: Er ... bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille. Was der jüdische Glaube Gott zuschreibt, wird hier von Jesus von Nazareth erfüllt.
Aber die göttliche Errettung aus Seenot, die im heutigen Eingangspsalm zum Danklied der Erlösten wird, wird bei Markus zu einer Erzählung vom Versagen des Glaubens - und das gleich doppelt: In der aktuellen Notlage zweifeln die Jüngern an Jesu Macht über den todbringenden Sturm. Sie gehen ihn an: Wie kannst das zulassen? Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Aber nachdem Jesus seine rettende Macht bewiesen hat, fürchten sie sich erst recht. Die Jünger haben den Test nicht bestanden, Glaube: ungenügend.
Diese kritische Erzählung vom Versagen des Glaubens der Jünger wird bei Markus unausgesprochen zur sympathischen Einladung an Ungläubige, sich auf Jesus zu verlassen: Denn nicht ihr Glaube hat die Jünger gerettet, sondern Jesus. Er erweist sich als Retter für Ungläubige. Der Glaube an Jesus, den der Evangelist hat - er findet sich bei den Jüngern ja gerade nicht. Und Markus sagt in seinem Evangelium, warum das so ist: Vor Ostern ist der Glaube noch kein Glaube, ist die Herrschaft Jesu noch verhüllt und umstritten, der Messias ein Geheimnis. Markus aber schreibt nach Ostern, von Gottes Geist ins Bild gesetzt, wer Jesus ist und was die Gläubigen von ihm erwarten können: ihre Rettung, auch im Angesicht des Todes. Der Glaube, den Jesus an den Jüngern vermißt, ist letzthin der Glaube an den in ihm handelnden Gott.
Die Beschwörung des Seesturms - das ist also eine Geschichte von der Epiphanie Gottes in Jesus, von seiner Erscheinung. Vor Ostern blitzt sie immer nur kurz auf, erst vom Osterglauben her ist sie als Ausdruck der Nähe Gottes zu durchschauen: Den todbringenden Kräften der Welt wird ihr Herr offenbart, der sie beherrscht. Doch fragt man sich: Muß das Ganze denn so krass erzählt werden, muß Jesus so nach Art antiker Superhelden, Zauberer und Magier agieren?
Ja - denn in der Macht Gottes ist Jesus auch der Herr über das,
was wir die Welt und ihre Ordnung nennen. Und das wird konkret - im Verstummen
eines Sturms, im Verebben der Wellen. Für die einen sind es Fallwinde
- für die Gläubigen Exempel der Herrschaft Gottes. (Exempel -
denn auch weiterhin gehen Schiffe unter, auch Raumschiffe.)
Markus kann deshalb den konkurrierenden hellenistischen Wunderberichten
einfach nicht das Feld überlassen. Jede Berührungsangst ist hier
falsch am Platz. Er muß den Joker Jesus setzen, mitten hinein in
die antike Beschwörung dämonischer Mächte - damit der wahre
Glaube deutlich wird: In ihm ist Gott der Herr der Welt. Jesus ist jedem
antiken Wundermann gewachsen, übertrifft ihn noch.
In Zeiten inneren Friedens, wie bei uns Touristen damals auf dem See,
kann dieses Verständnis aufblitzen - oder in Zeiten der Not. Helmut
Thielicke erzählte, wie er gegen Ende des 2. Weltkrieges bei einem
plötzlichen Fliegeralarm, um eine Panik zu vermeiden, dem Organisten
das vereinbarte Zeichen gab: ÑWir singen jetzt ÇJesu, meine Freudeë. Die
Gemeinde geht unter den Kirchenbänken in Deckung und singt aus Leibeskräften:
ÑLaß den Satan wettern, laß die Welt erzittern, mir steht Jesus
bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle
schrecken, Jesus will mich decken.ì Und was macht der Prediger? ÑAls ich
die Gemeinde, die ich gar nicht mehr sah, so aus der Tiefe der Kirchenbänke
heraus singen hörte, während es um uns krachte und wetterte,
mußte ich lauthals lachen, obwohl die Situation kitzlig war und ich
obendrein auf einer Kanzel stand, wo man so etwas nicht zu tun pflegt.
... Damals wurde mir übrigens klar, daß der Choral keine fromme
Lyrik, sondern ein Kampfgesang in den Wettern und die Rühmung dessen
ist, der über den Wettern steht.ì
Alte Geschichten? Ein Kollege von mir - damals keine drei Jahre alt
- wird noch heute jeden Morgen um die Zeit der Bombenangriffe auf Berlin
wach. Manchmal kommen diese Dinge ja wieder hoch. Besonders heute: 60.
Jahrestag der Kapitulation der deutschen Armee in Stalingrad, und morgen:
Vor 58 Jahren tobte der Feuersturm durch die Berliner Innenstadt - und
Unternehmen Wüstensturm II steht vor der Tür. Kriege werden zwar
von Menschen gemacht und können von Menschen verhindert werden - aber
einmal entfesselt, sind sie für uns wie einst dämonische Mächte:
über-mächtig menschenfeindlich. Und gerade dann müssen wir
Jesus Christus als den Herrn über den Stürmen bekennen: um der
Wahrheit des Glaubens willen - und um den sogenannten Herren der Welt ihren
Anspruch zu bestreiten.
Das Böse (die ÑAchse des Bösenì) haben sie nicht zu bekämpfen
- das macht Gott in Jesus Christus. Sie haben nur (Polizei)Gewalt: die
Aufgabe, Menschen zu schützen.
Das haben wir allen zu bezeugen, die den Konflikt mit dem Irak dämonisieren wollen - und selber die rechte christliche Sorglosigkeit einzuüben, die auch in höchster Not darum weiß, daß Jesus mit im Boot ist: Selbst wenn der Glaube auf der Strecke bleibt, bleibt uns die Zuflucht zum Hilfeschrei der Jünger: Meister, fragst du nichts danach, daß wir umkommen? Und damit bleibt uns die Zuversicht, daß er auch uns in Todesnot erretten wird - trotz unseres Unglaubens.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.