Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis - Predigtreihe "Glaube im Unterhaltungsformat" - Die Matrix-Trilogie

Liebe Gemeinde!
Haben Sie auch manchmal das Gefühl, mit dieser Welt stimme etwas nicht? Man begegnet Menschen, die man noch nie gesehen hat - und doch kommen sie einem vertraut vor. Oder man gewinnt den Eindruck, es werde nach Regeln gespielt, die wer-weiß-wer vorgibt: Man gehorcht sogenannten ÇStrukturenë. Oder Menschen verhalten sich wie Roboter - berechenbar, automatisch, wie Programme - als ständen sie unter dem Einfluß einer fremden Macht. Vieles erscheint irgendwie unwirklich: ÑIch glaubë, im bin im falschen Filmì - eine Redensart der 90er Jahre. - Wenn es Ihnen so geht, dann sind sie ein Kandidat für die Befreiung aus der ÑMatrixì.

ÑMatrixì - das ist der Name für unsere Welt in einer Reihe von drei Filmen, die um die Jahrtausendwende entstanden. Man kann sie als Ñphilosophierende Actionfilmeì bezeichnen. Den stärksten Eindruck beim - vor allem männlichen jugendlichen -Publikum hinterließen die Kampfszenen: Karatekämpfe, Kickboxen in allen Dimensionen. Extreme Zeitlupe und äußerste Geschwindigkeit wechseln einander ab. Die Darsteller bewegen sich, wie man es im Kino bisher noch nie gesehen hatte. Sie fliegen durch die Lüfte - Frau Merkels Çschwebendeë Handtasche ist nichts dagegen. Die Autoren - die Gebrüder Wachowski - entwickelten eine neue, an die fernöstlichen Kung-Fu-Filme angelehnte Ästhetik - bis hin zu den Kostümen: Die Hauptfiguren tragen schwarz schimmernde Gewänder, dunkle Sonnenbrillen, die auf den Gesichtern zu kleben scheinen; der Held eine priesterähnliche Soutane.

Die Filme sprachen ein zahlreiches, wenn auch nur begrenztes Publikum an - bei dem allerdings schlugen sie ein wie eine Bombe. Kann James Cameronës Titanic als Abgesang auf das 20. Jahrhundert verstanden werden, so die Matrix-Trilogie als Auftakt für das 21., das digitale Zeitalter, meinte ein Filmkritiker.

Die Filme gehen aus von einer alten philosophischen These - in der abendländischen Philosophie Metaphysik genannt: Diese Welt, in der wir leben, ist nicht die wahre. Sie ist nur Schein, ein Trugbild. Die wahre Welt liegt irgendwie Ñdahinterì - aber das kann von einigen wenigen erkannt werden. Von wem? Eben von jenen, die schon immer das Gefühl hatten, mit unserer Welt stimme etwas nicht. Das bringt uns zu der Geschichte, die diese Filme erzählen: Unsere Welt ist eine Matrix, eine durch Computer erzeugte Illusion, genauer: ein Çvirtuellerë Raum. Und die Macken unserer Welt sind schlechte Programme. Ursache dafür ist ein seit 100 Jahren währender Kampf, der Kampf Mensch gegen Maschine um die Herrschaft über die Welt. Damit greifen die Filme eine in der Tat 100 Jahre alte Frage auf. Es gibt sie seit der beginnenden Industrialisierung. Mit ihr haben sich seitdem Philosophie und Literatur auseinandergesetzt: Gerhart Hauptmann, Die Weber und Charlie Chaplin, Moderne Zeiten. Die Frage: Beherrschen wir noch unsere Schöpfungen, die Maschinen - oder werden wir von ihnen beherrscht?

In den Filmen herrscht Krieg: Um die Maschinen von ihrer Energiezufuhr abzuschneiden, haben die Menschen den Himmel verfinstert. Die Maschinen schlugen zurück und versklavten die Menschen: Die dienen nun als Batterien. Sie liegen wie Hühner in ihren Käfigen und liefern den Maschinen Energie. Um sie am Leben erhalten zu können, wurde die Matrix geschaffen, unsere Welt, die Illusion einer Welt - wie man Milchkühen im Stall Mozart vorspielt. Einige Menschen, die Rebellen, konnten diesem Schicksal entgehen und leben seitdem in gigantischen Höhlen unter der Erdoberfläche. Die Filme zeigen sie als dunkle, unheimliche Orte - wie die Unterwelt in Fritz Langs Metropolis. (Da zitiert sich das Kino wieder einmal selbst.) Ihre letzte Zuflucht heißt Zion. Um dort leben zu können und um die beständig angreifenden Maschinen bekämpfen zu können, sind die Menschen selbst auf Maschinen, besonders auf ihre Kampfschiffe, angewiesen. Die haben sie aber unter Kontrolle. Was aber ist das - Kontrolle? ÑWenn wir wollten, könnten wir sie in Stücke hauenì. Wirklich? Oder gilt: ÑWir brauchen die Maschinen - und die Maschinen brauchen uns.ì ÑÜberleben hängt von mehr ab als von der Zahl unserer Schiffe.ì

Das ist ein typisches Beispiel für die philosophierenden Passagen, die in die Filme eingestreut sind und die im Wechsel mit den Actionszenen auftreten. Dabei werden - ohne sie zu nennen und teilweise wörtlich - bedeutende Denker aus westlichen und östlichen Traditionen zitiert: ÑErst, wenn du mit jemandem gekämpft hast, weißt du, wer er ist.ì Oder Platons Höhlengleichnis von den Schatten an der Wand, die allein wir wahrnehmen und fälschlich für die Wahrheit halten.

Kern der Handlung ist eine Prophezeiung, die ein religiöses Thema anspricht: Eines Tages werde aus der Matrix selbst ein Erlöser kommen, der die Menschen aus der sie versklavenden Illusion und von ihrem Kampf gegen die Maschinen befreit. Eine Gruppe der Rebellen um ihren Anführer Morpheus glaubt, ihn in der Gestalt des Programmierers und Hackers Anderson gefunden zu haben. Sie entführen ihn aus der Matrix ins Çwirklicheë Leben und versuchen, ihn von seiner Rolle als Çder Auserwählteë zu überzeugen. Sie nennen ihn Neo, den Neuen. Der aber ist skeptisch. Erst die Liebe zur Heldin namens Trinity, die bereit ist, ihr Leben für ihn zu opfern, und der erfolgreiche Kampf gegen ein aus der Kontrolle geratenes Programm namens Smith (eine Figur, die aussieht, wie in den Hollywood-Filme immer die Regierungsagenten aussehen - ein kleiner politischer Seitenhieb) bestärken ihn in seiner Rolle. Am Schluß des ersten Teils überlebt er seinen Tod, fährt - buchstäblich - in den Himmel auf und ruft aus dem Off den die Menschen in der Matrix bedrohenden Maschinen zu: Ñ... Ich werde ... den Menschen das zeigen, was sie nicht sehen sollen. Ich zeige ihnen eine Welt ohne Euch. Eine Welt ohne Gesetze, ohne Kontrollen und ohne Grenzen. Eine Welt, in der alles möglich ist. Wie es dann weitergeht, das liegt ganz an Euch.ì

Die Erlösung wird angekündigt. Beginnt da das Reich der Freiheit - wie das Reich Gottes, das Jesus ausgerufen hat? Mancher Zuschauer hat bei Neo tatsächlich an Jesus gedacht - und Anspielungen dieser Art sind wirklich da. (Darum erzähle ich Ihnen ja von diesen Filmen.) Allerdings bedienen sich die Produzenten noch viel tiefer aus der Kiste der Mythologien und Religionen der Menschheit: Es gibt Dialoge über die Hoffnung, über Freiheit und Bestimmung, über die eigene Entscheidung gegen den Zwang von Ursache und Wirkung.

Wer sieht solche Filme? Nur pubertierende Jugendliche mit Realitätsproblemen und Gewaltphantasien? Oder sind das Filme für Menschen, die auch heute noch das uralte Gefühl haben, mit unserer Welt stimme etwas nicht, sie sei auf Erlösung von außen angewiesen? Ich denke, es sind Filme für Menschen in ihrer Çdigitalen Lebensphaseë. Damit meine ich Menschen, die den Computer nicht nur als verbesserte Schreibmaschine nutzen, sondern sich mit seiner Hilfe neue Welten erschlossen haben.

Eine Eigentümlichkeit dieser digitalen Welt, ist es, daß Fehler korrigierbar sind. So gesehen, kann man eigentlich nichts kaputtmachen. Im Gegenteil: Im Rahmen eines Programms kann man alles machen, was man will. Man kann bei Pannen wieder von vorn anfangen. So gesehen, gibt es hier keinen Tod: Jedem Programmabsturz folgt ein Neustart. Computer zu beherrschen - das kann einem das Gefühl von Allmacht und von Ewigkeit vermitteln. Oder ist das alles nur eine Illusion? Lösen Computer Probleme, die man ohne sie nicht hätte? Die Matrix-Trilogie verleiht dieser Zweideutigkeit der Gefühle gegenüber der neuen digitalen Welt Ausdruck. Sie konstruiert dazu eine Geschichte, die in ihren Antworten ebenfalls zweideutig bleibt, aber religiöse Fragen stellt: Braucht unsere Welt nicht doch wieder einen Erlöser?

Neo/Anderson ist ein bescheidener, fast blasser Erlöser. Er muß erst entdecken, wer er ist - ein altes gnostisches Motiv. Dieser Erlöser entdeckt, daß er nicht der erste ist, sondern schon der sechste Anlauf - ein aus der Religionsgeschichte bekannter Gedanke: Gott sendet immer neue Propheten. Er entdeckt überdies, daß er eigentlich gar nicht zum Retter der Menschen, sondern zum Retter der Matrix bestimmt ist, dieser elektronischen Täuschung: Er soll angesichts außer Kontrolle geratender Programme den ÇNeustartë durchführen. Das ist das Konzept immer neuer Welten, wie es in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Kosmologie für möglich gehalten wird - ein Urknall folgt dem nächsten - wie es aber auch schon in der germanischen Göttermythologie bekannt war.

So stellt die Matrix-Trilogie die alte Frage nach der Erlösungsbedürftigkeit der Menschen neu. Gott kommt zwar nicht vor - im ÇTempelë zu ÇZionë findet die ÇFeier der Menschlichkeitë statt. Trotzdem gibt es zahlreiche, überreiche religiöse Anspielungen und Symbole. Und die Zuschauer entdecken das alte biblische Motiv der Apokalyptik: Nach dem Kampf wird der Frieden kommen - aber jetzt, jetzt geht es hier nicht friedlich zu. Insofern ist die Matrix-Trilogie auch ein bitterer Kommentar zur Gegenwart: zu den politischen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und zu unseren seitdem grausam enttäuschten Hoffnungen auf Frieden in der Welt.

Am Ende scheint die Gegenmacht zur Selbstkorrektur fähig zu sein. An der ÇQuelleë, an der ÇTür aus Lichtë hat Neo eine Erscheinung, die ihm die Chance gibt, dieses Mal anders zu enden als seine Vorgänger. Neo verhandelt mit ihr - wie Abraham mit Gott über die Zahl der Gerechten in Sodom und Gomorra. Er verweist auf die Gefahr, die die außer Kontrolle geratenen Programme wie ÇAgent Smithë auch für die Maschinenwelt bedeuten und besiegt ihn. Und eine Stimme sagt: ÑEs ist vollbracht.ì Und was hat Neo dazu befähigt? Die Liebe. Ihre Liebe zu Neo hat ihn in die Lage versetzt, die richtige Entscheidung zu treffen.

Die Liebe also - ein Thema, das sich durch unsere Beispiele hindurchzieht: von Titanic über Greyës Anatomy zu Matrix: Glaube, Hoffnung und Liebe. Aber retten die Menschen sich - so gesehen - am Ende nicht selbst? Der Film schwankt mit seinen Antworten. Er spielt mit beiden Möglichkeiten, mit der der Fremd- oder der der Selbsterlösung. So hat man das heutzutage ja auch gern: Wer will sich schon noch erlösen lassen? Schon wer nur einer guten Idee zum Durchbruch verhelfen will, sollte lieber sehen, daß der Chef den Eindruck hat, er habe sie selbst gehabt... Sich von anderen belehren, ja retten lassen? Nein - danke. So läßt auch die Matrix-Trilogie die Entscheidung darüber offen. Aber auch in der digitalen Welt, in der alles möglich, alles machbar erscheint, gibt es (Web-)Fehler - und darum (Er-)Lösungsbedürftigkeit.

Brauchen wir nun solche Filme? Ich weiß es nicht - aber ich weiß, daß wir das Nachdenken über uns und unsere Erlösungsbedürftigkeit brauchen. Ich glaube, daß Jesus Christus die Antwort ist - aber um das zu verstehen, um sein Wirken zu verstehen - dazu brauchen wir auch die Frage. Matrix stellt sie.
Amen.
 
 


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