Predigt am Karfreitag 2007 über das Motiv "Christus - das Lamm Gottes"
Liebe Gemeinde!
Paul Gerhardts Lied vom Lämmlein, das zur Würgebank geht
und zum Leiden Ja sagt, ist mir lange Zeit fremd geblieben. Als ich es
zum ersten Mal hörte, kam es mir nämlich ëtypisch evangelischí
vor: Ausdruck einer vielleicht altehrwürdigen Frömmigkeit, aber
doch irgendwie von gestern. Romantisiert es nicht den Tod Jesu? Schon die
Worte ëLämmleiní und ëWürgebankí. Mir kam das fast kitschig vor.
Und wo bleibt unser Leiden, das Leiden der Menschen? Warum bloß sangen
die Menschen in meinem kleinen westfälischen Dorf, dessen Evangelische
sich in erster Linie aus Heimatvertriebenen zusammensetzten, es dennoch
so gern?
Erst viel später fiel mir auf, wie biblisch die Sprache Paul Gerhardts ist - und wie persönlich. Das Lamm spielt in der Bibel ja eine große Rolle - zunächst als Passahlamm: Es steht für das Schutzzeichen, das die Kinder Israels nach der Überlieferung beim Auszug aus Ägypten an ihre Tür malten. Das Blut des Lammes war hier das Erkennungszeichen. Es unterschied sie von den Ägyptern - und Gottes Strafe ging an ihnen vörüber. Später dann, im täglichen Tempelopfer, war es vor allem das Lamm, mit dessen Blut der Deckel des Hilasterion besprengt wurde, des Sühndeckels, wie Luther das Wort übersetzt, um den neuen Kontakt von Gott und Mensch zu symbolisieren. So wurde das Lamm zum Zeichen der Versöhnung, zum Zeichen der Sühne.
Sühne - was ist das? Das Wort ist uns fremdgeworden. Selbst die Große Brockhaus Enzyklopädie bleibt recht einsilbig und spricht nur undeutlich von ëBuße, Vergeltung und Versöhnungë. Wir kennen Sühne eigentlich nur noch als (in mancher Augen obendrein veraltetes) Prinzip unserer Rechtsordnung und aus dem Namen der ëAktion Sühnezeichení. Hier wie dort aber wird sein ursprünglicher Sinn erkennbar. Sühne meint, wenn etwas Böses geschah, muß man etwas dagegen tun, etwas Gutes - auch, wenn man den angerichteten Schaden selbst nicht mehr gutmachen kann, auch, wenn man selbst gar nicht der Täter war: Sühnen kann auch ein anderer. Dieser Gedanke kommt aus dem altorientalischen Opferkult und wird in Israel zum Inbegriff des Kultes auf dem Tempelberg in Jerusalem: Opfern sühnt, Opfern versöhnt - Gott und Menschen. Zu diesem Zweck fließt das Blut der Lämmer - zu Tausenden werden sie geschlachtet. Die Abflußkanäle für ihr Blut sind so groß, daß man sie begehen kann. Archäologen haben sie ausgegraben.
Blut, so viel Blut, ist das nicht eklig? Goethe hingegen wußte noch, daß Blut ein ìganz besonderer Saftî ist. Es galt als Sitz des Lebens und biblisch als Gottes Eigentum. Darum gibt man es ihm beim Opfern gewissermaßen und symbolisch zurück, lebt als Mensch selbst nur vom ausgebluteten Tier. Darum ist es gegen Gottes Willen, daß Menschenblut vergossen wird. Die Geschichte von Kain und Abel schildert es drastisch. Gott spricht zu Kain: ìDie Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Verfluchst seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.î
Sühne ist dabei eine Ersatzleistung, ein Friedensangebot des Geschädigten
- schon unter Menschen: An die Stelle von endloser Blutrache tritt ein
materieller Ausgleich, der den Schaden zwar nicht aufhebt, aber den Streit
beendet - wenn es der Geschädigte will. Im Hinblick auf das Verhältnis
von Gott und Mensch heißt das: Eigentlich müßte der vor
Gott schuldig gewordene Mensch sterben. Gott aber akzeptiert statt dessen
den Tod des Tieres. Wenn also ein Opfertier zur Sühne geschlachtet
wird, fließt damit das Blut des Sünders. Das Sühneopfer
ist also auch ein Akt der Stellvertretung.
Der Tod Jesu am Kreuz - obwohl vergleichsweise unblutig (ein Gekreuzigter
verblutet nicht, er erstickt) - wird gleich von den ersten Christen als
ein Sühneopfer verstanden. Obwohl es nicht im Tempel stattfand, obwohl
da kein Priester zum Opfern war, obwohl hier ein Mensch starb, kein Opferlamm
- den Tod Jesu als Opfer zu verstehen, als Sühnopfer, das macht Sinn.
Wieso? Das liegt an dem, der hier starb. Jesus von Nazareth, der Prediger,
der Gottes nahe Herrschaft ausrief - durch die Erfahrung seiner Auferstehung
erkennen die Jünger: Gott war wirklich mit ihm. Jesus behält
Recht. Sein Tod ist nicht das Ende, sondern die Wende. Gott ist da - in
diesem blutigen und mörderischen Geschehen. Jesu Tod muß von
daher einen Sinn haben. Bloß welchen?
Und da sprechen die ersten Christen vom Lamm, vom Lamm Gottes. ìChriste, du Lamm, Gottes, der du trägst die Sünd der Welt....î. Lamm ist Jesus Christus, weil unschuldig wie die Opfertiere. Lamm ist er, weil er seinen Tod hinnahm: ìVater, in deine Hände gebe ich meinen Geist...î. Jesus in Person ist der ëSühnerí, der Gott und Menschen versöhnt. Da Sühnen auch ein anderer kann, ein Unschuldiger für einen Schuldigen, kommt der Gedanke auf, daß der Tod Jesu Christi so etwas ist wie ein stellvertretendes Sühneopfer: Gott akzeptiert den Tod Jesu als Ersatz für den Tod des Sünders.
Eine große Rolle dafür, daß es zu diesem Glauben kommt, spielt der Prophet Jesaja. Er sprach vom leidenden Gottesknecht. Seine Anhänger bezogen das zwar auf seine eigene Person - aber das hinderte nicht die Erwartung, daß Gott seinen Messias vielleicht auch als einen Leidenden in die Welt senden könnte, als einen, der nicht auftrumpft, der nicht siegt wie ein Krieger, sondern der versöhnt, indem er zum Opfer wird. Hat es diesen Gedanken wirklich schon vor Jesus gegeben? Wir wissen es nicht - aber wir wissen, daß die ersten Christen so dachten. Das machte ihren Glauben aus - und der Filmemacher Zefirelli läßt in seinem bewegenden Jesusfilm schon am Kreuz Jesu einen der Umstehenden sagen - durch seine Kleidung als ein Gebildeter und Wohlhabender erkennbar - vielleicht eine Anspielung auf den Ratsherrn Nikodemus (oder auf Josef von Arimatäa, der sein Grab für Jesus zur Verfügung stellte): ìFürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.î Nikodemus zitiert hier Jesaja 53, das Lied vom Gottesknecht. Knecht - das kann im Hebräischen auch Lamm bedeuten, und so fährt Jesaja fort: ìAls er gemartert wurde, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.îJesus, das Opferlamm, ja, der Sündenbock, dem die Sünden des Volkes am Großen Versöhnungstag symbolisch aufgeladen werden, das stirbt, damit die Menschen ihre Schuld loswerden, damit die Menschen leben?
Doch hat dieses Sühneopfer die Besonderheit, daß es geschieht, bevor wir Menschen davon wissen, bevor wir uns nach Art des Alten Bundes mit dem Opfer identifiziert haben, bevor wir ihm unsere Schuld symbolisch aufladen: Jesus starb für uns, als wir noch Sünder waren, sagt Paulus. Gott tut alles - wir nichts. So gesehen, ist das eigentlich kein Opfer mehr, kein bloßes Friedensangebot, sondern ein Friedensschluß, ein von Gott her gestifteter Bund, ein Neuer Bund. Und damit hat sich ausgeopfert.
Andere biblische Motive treten hinzu: Im Johannesevangelium nennt der Täufer Jesus das ëLamm Gottesí, in der Offenbarung wird das Lamm als Siegeslamm bezeichnet, als Lämmlein.
All diese Motive gehen in Paul Gerhardts Passionslied vom Lämmlein, das zur Würgebank geht, ein. Das andere Lied, das Lied ëO Haupt, voll Blut und Wundení hat ihm zwar ein wenig den Rang abgelaufen. Nicht nur mir kam das Motiv vom Lamm, von Jesus als dem Lämmlein, ja - gelinde gesagt - ein wenig seltsam vor. Aber es führt uns tief hinein in die Weite biblischen Geschehens und ist fast selbst eine Art prophetischer Zusammenschau und gläubiger Deutung des Todes Jesu: Die Freiwilligkeit des Todes Jesu beispielsweise erschließt sich ja erst von Ostern her - wie auch das himmlische Zwiegespräch von Gott Vater und Sohn mit der bewegenden Zeile: ìO Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst - was nie kein Mensch gedacht - Gott seinen Sohn abzwingen. O Liebe, Liebe, du bist stark, du strecktest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen.î So spricht einer, der Jesu Tod verstanden hat, der sich erlöst weiß und der dafür dankbar ist (und es wäre nicht Paul Gerhardt, wenn er zum Ausdruck dieser Dankbarkeit nicht noch ein Paar Strophen mehr bräuchte).
Eine dieser Strophen allerdings hat man in unserem Gesangbuch gestrichen:
ìDu marterst ihn am Kreuzesstamm mit Nägeln und mit Spießen;
Du schlachtest ihn als wie ein Lamm, machst Herz und Adern fließen.
O süßes Lamm, was soll ich dir erweisen dafür, daß
du mir erweisest so viel Gutes?
Dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen.î
Süßes Lamm? Da fällt mir was ein: Ich jedenfalls verstehe
jetzt, warum mich meine Eltern als Kind jedes Jahr vor Ostern - wie Rotkäppchen
im Märchen zur kranken Großmutter - mit einem Kuchen in Gestalt
eines Lämmchens zu den Großtanten schickten: Das war symbolische
Osterfreude. Zwischenzeitlich ist Ostern ja von Eiern und Osterhasen und
diversen Frühlingsbräuchen zugedeckt worden. Die Lammbackform
verschwand vom Markt. Aber ihre Backform haben meine Eltern immer gehütet.
Die wurde bald eine seltene Besonderheit, ein Familienerbstück geradezu
(und muß mittlerweile fast 80 Jahre alt sein). So gibt es zu Ostern
auch in diesem Jahr ein Lämmchen für die Gemeinde: symbolische
Osterfreude. Und die Backformen in Lämmchengestalt - die gibt es jetzt
auch wieder zu kaufen...
Und eigentlich ist das Lamm so auch noch nicht fertig, denn es gehören
noch die Siegesfahne und die Wundmale dazu. Erst dadurch wird das Lamm
zu jenem alten, in unseren Breiten fast ein wenig in Vergessenheit geratenen
christlichen Symbol für die Erlösung der Welt und des Todes von
der Gottesferne, die Paul Gerhardt in seinem Passionslied mit starken Bildern
besungen hat, jenem Lied, das nicht nur die Heimatvertriebenen in unserem
westfälischen Dorf so gern gesungen haben. Laßt auch uns einstimmen
in den Dank für den Tod des Gotteslammes, wie Paul Gerhardt ihn empfand:
Amen.