Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis über Joh 4, 19-26
Liebe Gemeinde!
Manchmal erfordert die Gottesdienstvorbereitung ein Stück Detektivarbeit.
Wer wissen will, welcher biblische Text am Sonntag im Mittelpunkt der Predigt
steht, schaut für gewöhnlich ja in den Jacobi-Boten. Da steht
es. Für den heutigen Israelsonntag steht da ein Abschnitt aus dem
Evangelium nach Johannes. Die Tage will ich den Text aufschlagen - nicht
in der Bibel, sondern im sogenannten Perikopenbuch, jenem Buch, in dem
die einzelnen Abschnitte bereits abgedruckt sind, aus dem uns jeden Sonntag
die Lektorinnen und Lektoren die biblischen Texte verkündigen. Aber
da steht nichts von Johannes, sondern stattdessen die scharfe Kritik am
jüdischen Tempelglauben, die der Prophet Jeremia ausspricht. Ich traue
meinen Augen nicht - Druckfehler oder Fieberwahn, oder was? Jetzt ist Detektivarbeit
nötig. Auch das Gesangbuch gibt an: Jeremia. Das neue Evangelische
Gottesdienstbuch, die Agende, aber hat Johannes. Jetzt wirdës aber spannend.
Der Evangelische Kirchenjahrkalender, die offizielle Predigtextordnung,
schließlich klärt: Über Johannes soll gepredigt werden.
Und schon der erste Blick in den Text macht klar, warum. Es geht um den
Satz: Das Heil kommt von den Juden. Das soll heute zu Gehör gebracht
werden - und nicht die prophetische Kritik am Tempelglauben, nicht die
biblische Begründung für den Untergang des Tempels, die dem heutigen
Sonntag seinen herkömmlichen Namen gab: Gedächtnis der Zerstörung
Jerusalems.
Daraus ist nun der Israelsonntag geworden, an dem die deutsche evangelische
Christenheit über ihr Verhältnis zu Israel und Judentum nachdenken
soll. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Es ist nicht allein unsere
Geschichte, der Blick in die Zeitung fördert täglich neue Anlässe
hinzu. Ein Akt politischer Korrektheit also. Aber daß die Kirche
deshalb unser Hören auf die Bibel zu steuern versucht, eine Kirche,
die evangelisch sein will... (Bibeltreue Studenten werfen ihr schon länger
einen Hang zur Ñtheologischenì Korrektheit vor, den Versuch, unser Verständnis
der Bibel auf bürgerliche Werte wie die Familie, auf Harmonie, Toleranz
und allgemeines Gutmenschentum zu lenken.)
Aber die Bibel wehrt sich. Und das tut auch der korrigierte Predigttext
mit seinem Wunschsatz: Das Heil kommt von den Juden. Inhalt des Textes
ist ein Gespräch. Von dem bekommen wir auch wieder nur einen kleinen
Teil mit. Und auch das gehört sich nicht. Stellen Sie sich einmal
vor, sie hörten von einem Gespräch zweier Gemeindeglieder nur
die Worte Geld - Tasche - Frau Müller. Da wüßten Sie doch
auch gern genau, was da passiert ist, was vorher und nachher gesagt wurde.
Hat jemand Frau Müllers Tasche geraubt mit allem Geld? Oder hat Frau
Müller Geld gewonnen und sich dafür eine Tasche gekauft? Oder
hat jemand Geld aus der Tasche gezogen, um Frau Müller zu kaufen?
Sie wissen es nicht - und wüßten es doch so gern. - Was nun
das Evangelium nach Johannes angeht, aus dem der heutige Predigttext herausgeschnitten
wurde wie mitgehörte Fetzen eines Gespräches - wir können
es gottlob unzensiert nachlesen, am besten das Ganze: Johannes 4, 1-42.
Wer das tut, merkt sofort: Die Geschichte ist bekannt. Es ist das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Anfang des Jahres haben wir hier den voraufgehenden Abschnitt dieses Gespräches verfolgt. Es war ein Gespräch mit lauter Mißverständnissen, in dem Jesus sich offenbart als der Spender des Wassers des Lebens: ÑWer ... von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.ì
Heute hören wir, wie es weitergeht. Es bleibt nicht bei der Begegnung von zwei Menschen, die aneinander vorbeireden. Man kommt zur Sache. Jesus zeigt sich über die Männergeschichten der Frau informiert: Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. - Was soll das? In ihrem Dorf weiß das natürlich jeder, aber daß der Fremde aus Jerusalem das weiß: schon merkwürdig. Johannes vertieft das Thema aber nicht weiter. (Schade, Dorfklatsch ist doch so schön! Und dann noch dieses Thema: Wer mit wem...) Johannes geht es um die Reaktion der Frau: Die Frau nennt Jesus daraufhin nämlich einen Propheten und legt ihm eine Streitfrage vor, die Streitfrage zwischen Juden und Samaritanern: Wo ist der richtige Ort zur Anbetung Gottes: in Jerusalem auf dem Tempelberg oder auf dem Berge Garizim (wo die paar Hundert Samaritaner, die es bis heute dort gibt, immer noch jedes Jahr Pessach feiern und Gott ihr Opfer bringen)?
Jesu Antwort sprengt die Alternative Jerusalem oder Garizim: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Heißt das, der Ort spielt laut Johannes keine Rolle? Egal, ob Berg oder Tal, Tempel oder Synagoge, Kirche oder Wald und Wannsee - Hauptsache, wir sind Gutmenschen? Nein, das heißt es nicht. Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit, das heißt, Gottesdienst hat einen neuen Ort, es ist Jesus Christus. Er ist der Ort. Nur in seinem Geist können wir Gott anbeten, nur wo er ist. Und dieser Geist wird uns von ihm geschenkt - im Wasser des Lebens, der Taufe.
Im letzten Gesprächsgang kommt die Frau diesem Verständnis so nahe, wie es für das jüdische Verständnis möglich ist: Sie spricht von der Hoffnung auf den Messias. Der wird uns alles verkündigen, d.h. auch: Der wird die alte Streitfrage entscheiden. Jesus antwortet lapidar: Ich bin's.
Im Zusammenhang mit der Frage nach dem richtigen Ort für das Opfer fällt nun Jesu Wort: Das Heil kommt von den Juden. Was meint er, wenn er sagt: Wir wissen aber, was wir anbeten? Spricht er da für die Juden aus Jerusalem? Nein. Das wir ist das wir der Christen, denen sich Gott in Jesus Christus gezeigt hat. Für die Juden in Jerusalem und auch für die jüdischen Dissidenten in Samarien war die Bindung von Glaube einerseits und Kultur, Volk, Land andererseits unauflöslich. Ihr Land war das Land, das Gott ihnen verheißen hatte. Fremde Herrscher bedeuteten die Gefahr falscher Götter. Private Frömmigkeit? Schön und gut - aber Religion ist keine Privatsache, sondern Angelegenheit des ganzen Volkes. Ein Volk - ein Tempel. Darum auch die Frage nach dem richtigen Ort für die Ausübung der Religion. Kult ist ortsgebunden.
Diese Bindung aber ist bei der christlichen Anbetung Gottes im Geist
und in der Wahrheit aufgehoben. Weder ein bestimmter Gebetsort noch die
Zugehörigkeit zu einem Volk spielen für das Heil eine Rolle.
- Das Heil kommt von den Juden, das ist jetzt nur noch eine historisch
richtige Bemerkung, die sehr an die Theologie des Apostels Paulus erinnert,
der im Römerbrief vom Weg des Heils vom Volk der Juden hin zu den
Heiden und wieder zurück zu den Juden spricht
So wird ganz Israel gerettet werden. ... Denn Gott hat alle eingeschlossen
in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. - Das Heil kommt
von den Juden, das heißt: Durch Jesus haben wir Nichtjuden den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs als den Herrn und Schöpfer der Welt kennengelernt.
Das Johannesevangelium meint sogar: Nur so können Menschen ihn überhaupt
kennenlernen.
Was aber heißt das praktisch? Wir Christen können - bis in die heutigen Konflikte in Nahost hinein - unterscheiden: unterscheiden zwischen Politik, Nationalismus, Volk - und Religion. Weder Juden noch Muslime aber können das (sofern sie auschließlich religiös argumentieren und nicht westlich-säkularisiert denken), denn für beide ist die Bindung an Land religiös begründet - wenn auch noch einmal unterschiedlich: Für die einen ist es das von Gott seinem Volk verheißene Heilige Land, für die anderen schließt ihr Glaube auch Herrschaft über Land ein, ist Krieg um solche Herrschaft heilig.
Die Christen aber können unterscheiden und feststellen: Diese Verbindung von Glaube und Land - das kann keinen Frieden geben. Und sehr lebenspraktisch gesehen, heißt das: Unsere christlichen Schwestern und Brüder dort sitzen buchstäblich zwischen allen Stühlen und kommen unter die Räder - hier die Panzer, dort die Heckenschützen. Alle Welt hat in den letzten Tagen und Wochen die Namen der Ortschaften im Ñchristlichen Dreieckì bei Jerusalem kennengelernt: Bethlehem, Beit Jalla, Beit Sahour. Sie können nicht um Jerusalem kämpfen wie Juden und Muslime. Ihr Bekenntnis zu Jesus Christus ist ihnen im Weg, denn ihr Glaube, unser Glaube, ist an keinen Ort gebunden, bindet uns an Jesus Christus, nicht an eine heilige Stadt, an einen heiligen Berg. (Und Vermittler sind dort jetzt nicht gefragt.) Was bleibt ihnen da noch übrig? So sehr sie auch ihr Land lieben, als Christen sind sie eben nicht daran gebunden. Darum können sie auch gehen. Vielleicht bleibt ihnen am Ende nichts anderes übrig.
Wenn der Israelsonntag uns heute aufgibt, über unser Verhältnis zu den Juden nachzudenken und die Evangelische Kirche in Deutschland uns dazu diesen Predigttext vorlegt - dann ist dies das Ergebnis: Das Heil kommt von den Juden - aber es besteht in der Anbetung im Geist und in der Wahrheit, d.h. in Jesus Christus - auch für die Juden.
Für große Teile der Evangelischen Kirche in Deutschland ist
das allerdings nicht die gewünschte Botschaft. Judenmission ist verpönt.
Ob man uns deshalb nur den kleinen biblischen Gesprächsauschnitt zu
Lauschen geben wollte? Aber Ñder Lauscher an der Wand hört seine eigene
Schand.ì Wenn die Kirche dem Evangelium nach Johannes wirklich zuhört,
so muß sie auch den Schluß hören:
Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und
spricht zu den Leuten - sozusagen als die erste Missionarin für ihre
Mitjuden: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich
getan habe, ob er nicht der Christus sei! Die Dorfbewohner luden ihn ein
und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede
willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich
der Welt Heiland.
Amen.