Predigt am (Sonn-)Tag des Offenen Denkmals über Hiob 40, 25 - 41,
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Liebe Gemeinde!
Lange Reden sind langweilig - meinen jedenfalls viele Konfis, aber
nicht nur sie. Die sagen es bloß offen. Besonders Predigten sind
natürlich langweilig. Grundsätzlich. Lange aber erst recht. Vergangenen
Sonntag beispielsweise, da ging es um die Liebe. Zu viele Worte, meinten
die Konfis. Warum stattdessen nicht einfach die Kurzformel: ÑGott ist die
Liebe.ì Basta. - (Kurze Frage: Ist so ein Satz eigentlich weniger langweilig?)
Heute dagegen geht es um unsere Ängste. Da will ich es lieber gleich
mit einer Kurzformel versuchen. Dieses Bild vom Leviathan zeigt sie: -
zeigen -
Kurzinfo: Schon wenn das Volk Israel der Vielzahl seiner Ängste
einen Namen gab, dann sprach es kurz und bündig vom Leviathan. Der
Leviathan (wörtlich etwa: gewundene Schlange) war ein Meeresungeheuer.
Real, zugleich aber auch ein mythisches Ungeheuer. Es lebt in den Tiefen
des Meeres und verschlingt die Menschen, die sich aufs Wasser und in seine
Nähe wagen. Der Leviathan - Sinnbild alles Unheimlichen, Dämonischen,
Widergöttlichen, Menschenfeindlichen; Sinnbild all dessen, vor dem
man Angst hat. Angst vor Wasser?
Dem Wüstenvolk Israel galt das Wasser zwar auch als Lebensspender - aber nur in Gestalt der großen Flüsse: Euphrat, Tigris, Nil und Jordan. Euphrat und Tigris entspringen im Paradies, dort liegt auch die Heimat des Stammvaters Abraham; vom ägyptischen Nil hat Gott sein Volk weggeführt - über den Jordan ins Gelobte Land. Bis heute ist der Jordan Israels Lebensader - und die politischen Konflikte entzünden sich immer häufiger am Streit über die Verteilung seines Wassers. Jordan- und Brunnenwasser - davon lebt eine ganze Region.
Anders war es mit dem Meer. Das war unheimlich. Das ist man buchstäblich
Ñwasserscheuì. Über das Meer reisten nur fremde Nachbarvölker
wie die Phönizier. Übers Meer reist nur, wer vor Gottes Auftrag
fliehen will wie Jona - ohne IHM entgehen zu können. Ihn spuckt der
Fisch wieder aus - die Seefahrer aber erzählen weiter vom großen
Leviathan, der das Meer beherrscht - und fürchten ihn.
Im Buch Hiob stellt Gott dem Menschen die Frage: ÑKannst du den Leviathan
fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen?ì Eine
rhetorische Frage. Kein Mensch kann das. Basta. - Es folgt dann eine Beschreibung
des Tieres. Die läßt erkennen: Der Leviathan ähnelt einem
Krokodil - nur ist er noch gefährlicher, unwiderstehlich.
Ist das nun Seemannsgarn? Anglerlatein?
Das christliche Mittelalter erzählt vom Leviathan mit diesem Bild: Einer wirft die Angel aus und fängt damit das Meeresungeheuer. An der Angelschnur aufgereiht hängen Bilder: sieben Köpfe und eine Figur, ein Mensch am Kreuz: natürlich - Jesus.
Kurze lateinische Texte erläutern, was damit im Einzelnen gemeint ist (von links nach rechts und von oben nach unten gelesen): ÑGöttlichkeit.ì ÑDie Göttlichkeit schickt die Harpune in das Meer der Zeit.ì ÑPatriarchen und Propheten.ì ÑDer Stein, der Golgotha durchdrang, war die Göttlichkeit, die die Kinnbacke des Leviathan durchbohrte.ì ÑChristus nahm die Not der Menschen an, sagte Augustin, ebenso nahm Christus die Natur an, die in ihm vergöttlicht ist.ì ÑDer Leviathan ist ein Meeresfisch, ähnlich einem Drachen, und bedeutet den Teufel.ì ÑJesus Christus durchbohrt die Kinnbacke des Leviathan.ì Und: ÑDer Stachel der Göttlichkeitì.
Die Story: Es ist Gott, der die Angel ins Meer hält. Und der dort unten lauert, um die Menschen zu verschlingen, ist der Teufel. Der glaubt, auch Christus verschlingen zu können, hängt aber in Wirklichkeit am Kreuz Christi wie an einem Angelhaken fest. Der Haken ist das Ende einer Schnur aus sieben biblischen Patriarchen und Propheten (wohl Abraham, Isaak und Jakob, sowie Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel). Sie führen zum Kreuz hin. Christus ist hier der herabschwebende Sieger - wie auf unserem Mosaik hier in der Kirche. (Die Stellung der Füße ist genau dieselbe: Er schwebt.) So ist das Kreuz Christi der Köder, mit dessen Hilfe Gott den Satan fängt.
Überlistung von Tod und Teufel - ein altes menschheitliches Motiv, häufig märchenhaft erzählt. Nur, daß es - im Märchen und im wirklichen Leben - am Ende dann doch nicht klappt: Im letzten Moment kann der Teufel noch entkommen, schlägt der Tod doch noch zu.
Es gibt dazu eine lustige Karikatur von Uli Stein, die das Thema aufnimmt: Springt ein Fisch aus dem Wasser, beißt dem verdutzten Pinguin in den Schnabel und ruft den anderen Fischen zu: ÑIch hab ihn!ì - Zu früh gefreut, denk ich mal, bei 15 kg Fisch pro Pinguin und Tag.
Hier aber klapptës. Der Leviathan hängt am Haken. Aus dem Anglerlatein wird eine Kurzformel für den christlichen Glauben an die Erlösung der Welt durch den Gekreuzigten Christus, bildgewordene Antwort auf Hiob: ÑKannst du den Leviathan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen?ì Gott kannës - durch Jesus Christus. Recht genau ist die Entsprechung zum Text aus Hiob ins Bild gebracht: Das Kreuz drückt dem Untier auf die Zunge, durchbohrt sie. Es ist lahmgelegt, hängt am Haken des Anglers.
Die Geschichte von Jesus - als Anglergeschichte. Ein Bild nicht ohne Komik: Der Teufel, die Ñgewundene Schlangeì, Verkörperung aller Bedrohung für den Menschen schnappt nach Gott - und ist dadurch selbst gefangen. Der Inbegriff von List und Tücke ist auf Gott reingefallen. Mit Speck fängt man Mäuse, mit Christi Kreuz das Böse. Eine Geschichte vom Sieg Gottes. Kurz und bündig.
Ist der Leviathan dann überhaupt noch Sinnbild tödlicher Bedrohung
- wie einst die Pest oder zu Luthers Zeiten Ñder Türkeì und heute
der Terror? Schon in den Psalmen wird Gott ja als Machthaber über
den Leviathan ausgerufen:
ÑDu hast das Meer gespalten durch deine Kraft, zerschmettert die Köpfe
der Drachen im Meer.
Du hast dem Leviathan die Köpfe zerschlagen und ihn zum Fraß
gegeben dem wilden Getier.ì (Ps 74, 13f.)
Gott hat gesiegt. Das steht in der Bibel immer schon fest, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der mythische Leviathan als Schreckgespenst hat ausgedient. Wie langweilig. Haben die Konfis mit ihrer Klage über Langeweile da nicht recht? Weil man in der Bibel ja immer schon weiß, wer gewinnt.
Doch, das ist wirklich langweilig: Mein Leben steht ja nicht mehr auf dem Spiel. Es hat seine Dramatik verloren. Gott ist die Liebe. Gott siegt.
Liebe Gemeinde, in der Bibel ist es ein wenig wie in der Formel 1 -
auch da weiß man immer schon, wer am Ende gewinnt. Schön langweilig:
Langweilig - aber schön.
Amen.