Thesen zu einer evangelisch verstandenen Apokalyptik
- vorgetragen auf dem Gesamtephorenkonvent der Kirchenprovinz Sachsen am 9. und 10.3.04 -
ÑFürchte deinen Nächsten wie dich selbstì.
1. Apokalyptik ist eine spezifische Weltsicht: ÑIch sehe was, was du
nicht siehst.ì Apokalyptik ist Fiktion, insofern sie Fakten deutet. (Rückfrage:
Gibt es solche Zusammenhänge Ñwirklichì oder Ñmacheì ich sie?
Oder gibt es sie dann auch wirklich, wenn ich sie mache? (vgl. Goethe:
ÑIch sehe nur, was ich weiß.ì)
2. Das Zeitalter der Angst ist angebrochen. Die Folgen des neuzeitlichen
technologischen und ökonomischen Fortschritts sind katastrophenträchtig:
Fakt oder Fiktion?
3. Apokalyptische Bewegungen sind Seismographen der gesellschaftlichen
Situation.
4. Apokalyptik hat zu tun mit Vorstellungen vom Ende. Apokalyptiker
wissen, woës langgeht. Das ist ihr Trost angesichts gegenwärtiger
und künftiger Schreckensereignisse.
5. Apokalyptik kann dem Bösen Macht zugestehen, ohne es zu verleugnen
oder zu verdrängen oder überzubewerten.
6. Nach jüdischer apokalyptischer Weltsicht zerfällt die
Zeit in zwei Perioden: in diese Weltzeit und in die kommende Weltzeit.
Der Apokalyptiker selbst steht am Ende des ersten, vor dem Beginn oder
am Beginn des kommenden Äons: Die Welt ist Ñam Zu-Ende-Gehenì.
7. Die jüdische Apokalyptik ist theozentrisch. Sie enthüllt
Gottes Gerechtigkeit.
8. Jesus selbst ist die Apokalypse in Person: In seinem Sterben und
Tod vollzog sich die Wende. Heil wird in der Verkündigung Jesu nicht
nur in der Zukunft erwartet, Heil ist schon jetzt. Das meint Aufhebung
der Apokalyptik: paradise now!
9. In Teilen des Urchristentums findet eine Reapokalyptisierung statt:
Offenbarung des Johannes. Apokalyptik spricht von der Gegenwart als zukünftiger
Vergangenheit und von der Zukunft als Zukunft der Vergangenheit und Gegenwart.
Die Naherwartung i.e.S. erscheint Ñgedehntì.
10. Die Großkirche und ihre Theologie hingegen bevorzugen Ñgeistlicheì
Enthüllungen. Apokalyptik aber ist welt- und geschichtsbezogen: Das
Ferne ist nah. Gott wirkt in dieser Geschichte.
11. Apokalyptische Texte werden im Mittelalter häufig auf die
eigene Zeit übertragen und als Reiseroute, Zeitplan, sozialrevolutionäres
Programm wörtlich verstanden, ja benutzt. Ein neuer apokalyptischer
Aufbruch das Ende dieser Kirche ist da. Gott will es.
12. Als Apokalyptiker bin ich im Ablauf der Ereignisse wichtig. Ich
bin wer nicht nur Opfer, auch Täter, Agent, Katalysator der
Geschehnisse. Das apokalyptische Drehbuch läßt mich mitspielen,
ich spiele eine Rolle.
13. Seit der Aufklärung sind christlichreligiöse Aspekte
in apokalyptischen Bewegungen seltener zu finden. Weltlich gilt die Devise
des ÑLebens als letzte Gelegenheitì. Demgegenüber ist der Apokalyptiker
Realist. Verlaß ist auf nichts und niemanden, nur auf Gott: ÑFürchte
Deinen Nächsten, wie dich selbst!ì (Das erregt gelegentlich Ablehnung,
ja Haß auf die, die wie die Apokalyptiker nicht Ñpositivì
denken.)
14. Gott setzt der Welt ihr Ende. Sein Gericht gilt aller Welt. Das
eröffnet allen Menschen eine Chance zur Begegnung mit Christus, d.h.
mit dem Heil.
15. Was aber bedeutet evangelisch verstanden dann das Gericht
für die Gerechtfertigten? Das Gericht nach den Werken muß kommen,
weil es Werke gibt damit Ñdie Täter nicht über die Opfer
triumphierenì (Horkheimer). Im Endgericht werden die Werke eines jeden
Menschen offenbar werden: die guten werden gelobt, die bösen getadelt
werden. Die Rechtfertigung durch Glauben unterscheidet zwischen Person
und Werk, legt uns also nicht auf unsere Werke fest.
16. Apokalyptisches Denken wahrt die Intention des Bilderverbotes,
insofern es das Bild des Ñlieben Gottesì mit dem Bild des gewalttätigen
Gottes durchkreuzt: Gottes Herrschaft kommt, d.h. also auch: Gott vernichtet
seine Feinde.
17. Nicht alles ÑKatastrophischeì ist apokalyptisch: Christliche Apokalyptik
ist Theologie der Hoffnung, Leben und Leiden in der Gewißheit des
kommenden Tages des Herrn.