Projekt Apokalyse - eine Bahnlesung mit Kommentaren in Wort und Lied
1.
Eröffnung - Die sieben Sendschreiben
L. Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat,
seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat
sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan, der
bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles,
was er gesehen hat.
Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung
und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.
K. Die Zeit ist nahe - so hatte Jesus die Herrschaft Gottes angekündigt.
Aber wo bleibt sie? Und wo bleibt der, der da kommen soll, Jesus, der Herr?
Teile der jungen Christenheit greifen zurück auf eine Gedankenwelt,
die sie aus dem Judentum kennen, die aber auch in anderen Religionen verbreitet
ist: auf die Weltanschauung der sogenannten Apokalyptik. Immer geht es
dabei um eine Zeitenwende, die man Ñin Kürzeì erwartet. Apokalyptiker
fühlen sich in einer Wende-Zeit: Die alte Welt geht zu Ende, Gott
bringt eine neue Welt herbei. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist
noch nicht zu Ende. Auch in Zeiten der Not und Verfolgung behält er
das Zepter des Handelns.
Nun also Gottes Offenbarung in Jesus Christus nach Art eines Johannes.
Dieser Johannes ist weder der Täufer noch der Evangelist, wohl auch
nicht der Apostel, sondern ein christlicher Apokalyptiker, ein Seher. ÑIch
sehe was, was du nicht siehst.ì Apokalyptiker haben den Durchblick - und
eine Botschaft von Gott. Wie sieht sie aus?
L. Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Lied 250, 1
L. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen
und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen
alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.
Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der
da war und der da kommt, der Allmächtige.
K. Das Buch der Offenbarung des Johannes beginnt als Rundbrief, gerichtet an sieben Gemeinden in Kleinasien. Der Verfasser erhält gleichsam den Auftrag, die Schrift an die Gemeinden weiterzuleiten. Sieben, die heilige Zahl - der Brief hat von Anfang an mehr im Blick als nur seine unmittelbaren konkreten Adressaten, er geht an alle. Die Siebenzahl vertritt die Gesamtheit, das Schreiben möchte also die ganze Kirche anreden. Der Eröffnungsgruß nimmt das Thema vorweg - wie eine Überschrift: Es geht um die Wiederkunft Christi zum Gericht. Es ist das Thema der jüdischen Apokalyptik - aber der kommende Richter ist Jesus. Wo die Juden das Kommen Gottes erwarteten, wird die Welt es mit Jesus zu tun bekommen. Und wenn der kommt, dann ist das das Kommen Gottes. Und die Kirche ist als erste einbezogen in die Geschehnisse der Endzeit. Die Botschaft des Buches ist nicht erst für die Nachwelt, sie ist schon für die Kirche der (jeweiligen) Gegenwart bestimmt.
Lied 35, 1
L. Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis
und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos
heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir
eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst,
das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus
und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und
nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach
der Stimme, die mit mir redete.
Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten
unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit
einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie
der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße
wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes
Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und
aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht
leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel
ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand
auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste
und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig
von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der
Hölle.
Lied 113, 5
K. Es beginnt wie früher bei den Propheten - mit dem Bericht von einer Berufung. Gott spricht wie einst zu den Propheten. Und ein verfolgter Christ auf der einsamen Mittelmeerinsel Patmos, dicht vor der Küste Kleinasiens, der heutigen Türkei, hat eine Vision. Es ist ein Sonntag - wohl in der Zeit der ersten systematischen Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Domitian Ende des 1. Jhs. Johannes sieht eine übermenschliche, himmlische Gestalt: den Menschensohn. Der sogenannte Menschensohn war schon für die Juden die Gestalt der Wende, der von Gott gesandte Retter - ausgerüstet mit aller Macht Gottes. Jesus sprach so von ihm, daß man ihn selbst für den Menschensohn hielt. Nach Ostern konnte kein Christ mehr daran zweifeln.
L. Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll
danach.
Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten
Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind
Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.
Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält
die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben
goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine
Geduld und weiß, daß du die Bösen nicht ertragen kannst;
und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel, und sind's
nicht, und hast sie als Lügner befunden, und hast Geduld und hast
um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden.
Aber ich habe gegen dich, daß du die erste Liebe verläßt.
So denke nun daran, wovon du abgefallen bist, und tue Buße und
tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen
und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte - wenn du nicht
Buße tust.
Lied 136, 6
Aber das hast du für dich, daß du die Werke der Nikolaïten hassest, die ich auch hasse. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.
K. Sieben Gemeinden, sieben Köpfe: an die ÑEngelì der Gemeinden
richten sich die Briefe, an ihre Vertreter im himmlischen Hofstaat. Sieben
Briefe, die sie sich hinter den Spiegel stecken können.
Damit eröffnet Johannes seine von der Bilderwelt des Alten Testamentes
und vom Auftreten der Propheten geprägte Bußpredigt. Härter
als heutige Visitationsberichte es sich erlauben können, geht der
Seher im Namen Gottes mit den Gemeinden um. Das ist Kirchenkritik von ganz
oben, von grundsätzlicher Schärfe: ÑKehrt um, sonst kehre ich
mich von euch ab!ì Weltliche Kirchenkritik, die wir aus späteren Zeiten
kennen (Ñdie Kirche hat Kreuzzüge geführt und Hexen verbranntì)
ist im Vergleich damit äußerlich und oberflächlich. Hier
geht es ums Eingemachte: ÑMacht einen neuen Anfang!ì Aber auch Lob dafür,
daß sich die Gemeinde in Ephesus von den gnostischen Nikolaiten getrennt
hat (von denen wir leider so gut wie nichts wissen).
L. Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut - du bist aber reich - und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.
Lied 113, 6
K. ÑSynagoge des Satansì? Welch schreckliches, mörderisches Wort - nur daß hier offensichtlich Christen die Opfer sind. Die jüdische Gemeinde von Smyrna scheint eine Welle von Christenverfolgungen ausgelöst zu haben. Darum verdient sie den Ehrennamen ÑVolk Gottesì nicht mehr. - Später dann hat dieses Wort Verfolgung gegenüber den jüdischen Gemeinden begründen müssen - ein erstes Beispiel von all dem Schindluder, den man mit dem Buch der Offenbarung des Johannes getrieben hat. Auch als Durchhalteparole bei militärisch sinnlosen Aktionen wurde es mißbraucht: Sei getreu bis an den Tod... Die Krone des Lebens erhalten bedeutet: Den christlichen Märtyrern wird das Leben in Christus verheißen.
L. Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: Das sagt, der da
hat das scharfe, zweischneidige Schwert: Ich weiß, wo du wohnst:
da, wo der Thron des Satans ist; und du hältst an meinem Namen fest
und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen,
als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, da, wo der
Satan wohnt. Aber einiges habe ich gegen dich: du hast Leute dort, die
sich an die Lehre Bileams halten, der den Balak lehrte, die Israeliten
zu verführen, vom Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben.
So hast du auch Leute, die sich in gleicher Weise an die Lehre der Nikolaïten
halten. Tue Buße; wenn aber nicht, so werde ich bald über dich
kommen und gegen sie streiten mit dem Schwert meines Mundes.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer
überwindet, dem will ich geben von dem verborgenen Manna und will
ihm geben einen weißen Stein; und auf dem Stein ist ein neuer Name
geschrieben, den niemand kennt als der, der ihn empfängt.
Lied 70, 2
K. Ich weiß, wo du wohnst... Das klingt nach der Sprache der selbsternannten
Rächer im Milieu der Jugendgangs - ist hier aber ein Lob für
die Treue einer Gemeinde, die genau da lebt, wo die altgriechischen Kulte
noch blühen, wo der berühmte Pergamon-Altar für den Gott
Zeus stand. Einer hat seinen Einsatz für Christus schon mit dem Leben
bezahlt. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten:
Wie einst Bileam die Israeliten zum Götzendienst verführte
(4. Mose 31, 16), so nun die Nikolaiten. Offensichtlich haben sie einigen
eingeredet, man könne sich als Christ weiter am heidnischen Kultleben
beteiligen. Wie weit darf für Christen Multikulturalität gehen?
Kultische Prostitution und aktive Teilnahme an Opferfeiern? Das jedenfalls
geht nicht.
L. Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: Das sagt der Sohn
Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen, und seine Füße sind
wie Golderz: Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und
deinen Dienst und deine Geduld und weiß, daß du je länger
je mehr tust. Aber ich habe gegen dich, daß du Isebel duldest,
diese Frau, die sagt, sie sei eine Prophetin, und lehrt und verführt
meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. Und ich
habe ihr Zeit gegeben, Buße zu tun, und sie will sich nicht bekehren
von ihrer Hurerei. Siehe, ich werfe sie aufs Bett, und die mit ihr die
Ehe gebrochen haben in große Trübsal, wenn sie sich nicht bekehren
von ihren Werken, und ihre Kinder will ich mit dem Tode schlagen. Und alle
Gemeinden sollen erkennen, daß ich es bin, der die Nieren und Herzen
erforscht, und ich werde geben einem jeden von euch nach euren Werken.
Euch aber sage ich, den andern in Thyatira, die solche Lehre nicht haben
und nicht erkannt haben die Tiefen des Satans, wie sie sagen:
Ich will nicht noch eine Last auf euch werfen; doch was ihr habt, das
haltet fest, bis ich komme. Und wer überwindet und hält meine
Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden, und
er soll sie weiden mit eisernem Stabe, und wie die Gefäße eines
Töpfers soll er sie zerschmeißen, wie auch ich Macht empfangen
habe von meinem Vater; und ich will ihm geben den Morgenstern. Wer Ohren
hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
K. Wieder wird aktuelle Kritik im verhüllenden Gewand alttestamentlicher Begebenheiten geübt: Wie einst Isebel König Ahab und das Volk verführte, so wirkt in Thyatira eine falsche Prophetin. Auch sie scheint die gnostische Auffassung zu vertreten, was die Christen äußerlich tun, habe keinen Einfluß auf ihre innere Einstellung. Mit scharfen Worten und Strafandrohungen wendet sich der Seher dagegen: Gott wird euch nach euren Werken richten! - Fällt Johannes damit nicht in den unchristlichen Gedanken der Werkgerechtigkeit zurück?
Dieser falsche Gedanke ist in der Tat nicht fern, da Johannes ja auch vom Lohn fürs Tun der Werke Christi spricht, aber ihm geht es hier ja auch allein um die Werke der Christen: Die sind eben nicht beliebig und gleich-gültig. Die empfangen Lohn oder Strafe. Das letzte Wort über Heil oder Unheil der Christen ist damit aber noch nicht gesprochen. Dennoch; hier herrscht das alttestamentliche Denkmilieu vor: Wer standhält, wird mit Christus über die Heiden herrschen, unter dem Morgenstern als Zeichen der Herrschaft. Das ist deren Gericht: Sie werden geweidet mit eisernem Stabe.
L. Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die
sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke:
Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke
das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen
befunden vor meinem Gott. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört
hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst,
werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher
Stunde ich über dich kommen werde.
Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben;
die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's
wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden,
und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und
ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
K. Unter Aufbietung aller Bezeichnungen für die Macht Gottes wird hier eine Gemeinde getadelt. Sie ist tot, ihre Werke sind nicht vollkommen. Woran fehltës denn? Wir erfahren es nicht, doch nur ein neuer Anfang kann die Gemeinde retten. Wie einst die Propheten und Jesus (und heute leider nur die Sektierer) ruft der Seher die Gemeinde auf: Erwachet! Gottlob haben nicht alle (bildlich gesprochen) ihre Kleider besudelt. Geht es um also Fragen der christlichen Moral oder noch viel grundlegender darum, daß sich hier der Großteil einer Gemeinde innerlich und äußerlich vollkommen vom christlichen Glauben wieder abgewandt hat? Denen kann wirklich nur ein neuer Anfang helfen.
L. Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der
Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut,
und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf:
Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan,
und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft
und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe,
ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien
Juden, und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen,
daß sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen
und erkennen, daß ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der
Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung,
die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden
wohnen. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, daß niemand deine
Krone nehme!
Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel
meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn
schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der
Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und
meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den
Gemeinden sagt!
K. Hier wird gelobt. Die Gemeinde in Philadelphia ist treu geblieben - und dereinst werden auch die Juden, von denen sie jetzt noch verfolgt wird, erkennen, daß Gott die Christen erwählt hat. Das alttestamentliche Erlösungsbild von der Wallfahrt der Völker nach Jerusalem wird auf die kleine Gemeinde umgedeutet: Nicht nach Jerusalem zu den Juden, sondern zur christustreuen Gemeinde in Philadelphia werden die jetzigen Verfolger pilgern. Wer sich zu Christus hält, der wird der neue Tempel, Bürger des neuen Jerusalem. Das Lob der Wenigen in Philadelphia weitet sich zum Zukunftsbild für alle: Christus - Name der Christen.
L. Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen
heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung
Gottes: Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist.
Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und
weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst:
Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht,
daß du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert
ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst
und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe,
deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe,
die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue
Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand
meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich
hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet,
dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden
habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
K. Hier spricht der Herrscher, der den Kosmos regiert: Laodizea ist
selbstzufrieden und satt, weder warm noch kalt, lau. Die Gemeinde hat den
Blick auf ihre Wirklichkeit verloren. Darum wird sie aufgefordert, sich
wieder ihrem Herrn zuzuwenden - und sich von ihm die Augen öffnen
zu lassen, seinen Reichtum zu dem ihren zu machen, sich von ihm bekleiden
zu lassen.
Die Sprache der Sendschreiben ist bilderreich und biblisch, wir hören
Echos der Verkündigung der Propheten und Jesu selbst - und seine Einladung
zum Abendmahl als Vorbild des endzeitlichen Mahles.
Was sagt das alles also uns - die wir weder Ende des 1. Jahrhunderts
leben noch in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia
oder Laodizea? Wann droht hier was?
Mit Hilfe apokalyptischer Rede wird uns klargemacht: Kirche und Christus
gehören zusammen, aber die Gläubigen sind noch nicht am Ziel.
Das muß allen Geschichtslosen, allen schwärmerisch Glaubenden
immer wieder eingeschärft werden. Jesus Christus Ñsitzt zur Rechten
Gottes, des allmächtigen Vatersì - aber Gottes Gericht über die
Welt und die Wiederkunft Christi stehen noch aus. Und so lange bleiben
die Anfragen des Sehers von Patmos: Wie steht es mit unseren Werken als
Gemeinde Jesu Christi? Halten wir im Glauben an ihm fest? Erwachet! Eure
Zukunft hat erst begonnen.
Glaubenslied 184
2. Die sieben Siegel
L. Danach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel, und die erste Stimme, die ich mit mir hatte reden hören wie eine Posaune, die sprach: Steig herauf, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen. Und siehe, ein Thron stand im Himmel, und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und Sarder; und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd.
Lied 70, 3
K. Vorhang auf! Der Seher Johannes darf einen Blick in den Himmel tun, in den Thronsaal Gottes. Bei allem Schrecklichen, was bald geschieht - Gott behält die volle Kontrolle. Daran, daß er sich durchsetzt, lasen die Bilder keinen Zweifel. Bei allen Schrecken, die da kommen, weiß das der Hörer und Leser - und kann sich ganz getrost zurücklehnen. Es ist wie in den Fernsehkrimis oder in Hollywoods Katastrophenfilmen (die ja mit ganz ähnlichen Bildern aufwarten - die Offenbarung des Johannes hat ja unsere Sehgewohnheiten bestimmt): Der Gute gewinnt, der Held überlebt - aber die Ereignisse sind schrecklich. Obwohl das mit dem Thronsaal eigentlich ja ein sehr irdischer Vergleich ist, wird Gottes Herrschaftsraum selbst doch ausgesprochen überirdisch geschildert - über jedes menschliche Maß und jeden irdischen Vergleich hinaus: Nichts ist so, wie es aussieht, sondern stets heißt es: wie. Was Gott und seine Herrschaft angeht - da fehlen selbst dem Seher die Worte.
L. Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen
saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan,
und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. Und von dem Thron gingen
aus Blitze, Stimmen und Donner; und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor
dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Thron war es
wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron
und um den Thron vier himmlische Gestalten, voller Augen vorn und
hinten.
Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt
war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein
Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.
Und eine jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, und sie waren
außen und innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht
und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige,
der da war und der da ist und der da kommt.
Lied 165, 1+2
L. Und wenn die Gestalten Preis und Ehre und Dank gaben dem, der auf dem Thron saß, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, fielen die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem, der auf dem Thron saß, und beteten den an, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und legten ihre Kronen nieder vor dem Thron und sprachen: Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.
K. Zahlen sind hier wichtig: 24 Throne, 24 Älteste - die
doppelte Zahl der Stämme Israels, die doppelte Anzahl der Apostel,
vielleicht unbewußte Anspielung auf die 24 von den Babyloniern verehrten
Sterne, sicher aber Hinweis auf das alte und das neue Volk Gottes. Sieben
Fackeln - auch die ursprünglich wohl sieben Sterne, aber schon jüdisch
von Göttern degradiert zu Engeln, zu Boten Gottes. Sieben - die Zahl
der umfassenden Fülle. - Bei aller Anschaulichkeit: Der Himmel ist
stets mehr als Steigerung einer irdischen Machtzentrale, und selbst die
Sterne sind bloß Diener Gottes, will der Seher sagen. - Vier himmlische
Gestalten umgeben den Thron Gottes, vier, die Zahl der geordneten Welt
(Man denke an die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente.). Vier himmlische
Wesen, Engel - Mensch, Löwe, Stier, Adler - ursprünglich vielleicht
die Säulen des Himmelsgewölbes oder die Sternbilder für
die vier Jahreszeiten, doch hat sie die Alte Kirche als himmlische Bilder
der vier irdischen Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes
verstanden. Das ist antike Überzeugung: Was auf Erden geschieht, hat
im Himmel eine Entsprechung - und umgekehrt.
Diese Überzeugung prägt auch das Bild vom Himmel, das sich
uns in der Offenbarung des Johannes anbietet. Also sieht er im Himmel wie
auf Erden einen Thronrat, Wesen, die Gott, den Schöpfer und Herrscher,
verehren. Sie tun das mit den Worten der kirchlichen Liturgie, die jeder
kennt, der an christlichen Gottesdiensten teilnimmt.
L. Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.
Lied 133, 4
L. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.
Lied 179, 3
K. Ein Buch mit sieben Siegeln - sprichwörtlich geworden für ein dunkles Geheimnis. Hier aber wird die gesicherte und in ihrer Echtheit beglaubigte Urkunde aufgetan - allein durch das Lamm, wörtlich: den Widder. Widder oder Lamm, das ist der von Johannes bevorzugte Titel für Jesus Christus, der durch seinen Tod Menschen aus allen Völkern freigekauft hat. Das Christus-Lamm legt Gottes bisher geheimen Plan mit der Welt offen. Himmel und Erde beten es an, wie Gott selbst angebetet wird. Das Öffnen der sieben Siegel wird zum Countdown für die Ewigkeit.
L. Und ich sah, daß das Lamm das erste der sieben Siegel auftat,
und ich hörte eine der vier Gestalten sagen wie mit einer Donnerstimme:
Komm! Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß,
hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft
und um zu siegen.
Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich die zweite Gestalt
sagen: Komm! Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und
dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde
zu nehmen, daß sie sich untereinander umbrächten, und ihm wurde
ein großes Schwert gegeben.
Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich die dritte Gestalt
sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der darauf
saß, hatte eine Waage in seiner Hand. Und ich hörte eine Stimme
mitten unter den vier Gestalten sagen: Ein Maß Weizen für einen
Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen;
aber dem Öl und Wein tu keinen Schaden!
Und als es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme der
vierten Gestalt sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd.
Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle
folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil
der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Pest und durch
die wilden Tiere auf Erden.
K. Während das Lamm ein Siegel nach dem anderen öffnet, beginnen
die Katastrophen. Johannes wird an ganz konkrete Ereignisse seiner Zeit
gedacht haben: an die Eroberungen durch die Reiterei der Partherheere mit
ihren mächtigen Bogenwaffen, an Bürgerkrieg, Teuerung von Weizen
und Gerste (umgerechnet eine Inflation um das acht- bis zwölffache).
- Der Preis für Getreide, das war in der Alten Welt der Leitpreis,
wie der Rohölpreis heute. - Luxusartikel sind nicht davon betroffen.
Chaos in einem Viertel der Welt.
Als die vier apokalyptischen Reiter sind diese Gestalten in die Ideengeschichte
und in die Kunst eingegangen. Dürers Bilder sind beispielhaft dafür
geworden, wie jede Krisenzeit sich als die Zeit empfand, in der die apokalyptischen
Reiter entfesselt werden.
Deutschlands meistverkaufter Fantasy-Autor, Wolfgang Hohlbein, hat
sie jüngst in seinem Roman "Der Widersacher" auf die Gegenwart bezogen:
ein CIA-Agent, ein palästinensischer Terrorist, ein Kirchenmann und
ein Versicherungsvertreter werden zu Boten der Apokalypse. Ist das nun
Spinnerei und Willkür - bestenfalls ein spannender Roman? Was meint
denn Johannes?
Für den Seher der Apokalypse sind die vier Reiter jedenfalls schon
unterwegs - seit 2000 Jahren... Was im Himmel geschieht, hat eine irdische
Entsprechung. Wehe, wenn sie losgelassen...!
L. Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar
die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und
um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du
Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst
nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und ihnen wurde gegeben
einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, daß
sie ruhen müßten noch eine kleine Zeit, bis vollzählig
dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch getötet
werden sollten wie sie.
Und ich sah: als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes
Erdbeben, und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der ganze
Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie
ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird.
Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird,
und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihrem Ort. Und die Könige
auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die
Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften
und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über
uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt,
und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große
Tag ihres Zorns, und wer kann bestehen?
Lied 445, 4
K. Johannes soll sehen, was nach diesem geschehen soll. So fing der
Abschnitt mit den sieben Siegeln an. Seinen Anfang genommen hat die Schau
des Johannes aber schon in seiner Gegenwart: beim himmlischen Lobpreis
und bei den irdischen Plagen seiner Gegenwart. Auch die Märtyrer des
5. Siegels sind seine Gegenwart. Die unter Kaiser Domitian Ende des 1.
Jahrhunderts Ermordeten und nach Gottes Gericht Rufenden erfahren: Die
Verfolgung auf Erden ist noch nicht zu Ende - aber sie wird ein Ende haben:
Einziger Trost für die, die noch unter schwerer Verfolgung leiden.
(Eine Situation wie kurz vor Ende eines jeden Krieges.) Aber das ist noch
nicht alles: Der Himmel fällt auf die Erde - Erdbeben erschüttern
die Erde, Vulkane verfinstern den Himmel.
Die Schöpfung wird rückgängig gemacht - wie ein Buch
zugeklappt wird: Vorhang zu!
Die kosmische Katastrophe - geschildert in den Bildern des damaligen
Weltbildes und geprägt von menschlichen Erfahrungen mit Naturkatastrophen
wie dem Vulkanausbruch von Santorin - machen alle gleich: Große und
kleine Leute, Herrscher und Sklaven müssen gleichermaßen sehen,
wo sie bleiben.
Dieser Tag des Zornes Gottes, steht er uns noch bevor? Die Evangelisten
haben ja schon den Tag der Kreuzigung Jesu als diesen Tag des Zornes Gottes
gesehen, da verfinsterte sich der Himmel und ein Erbeben begleitete den
Tod Jesu. Doch der Seher Johannes sieht diesen Tag noch vor sich - um der
Opfer der Verfolgung willen. Gottes Gericht muß kommen, damit "der
Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge".
Es war kein Christ, der das am Ende des 20. Jahrhunderts gesagt hat, sondern
der Philosoph Max Horkheimer. So denkt aber auch Johannes vom sogenannten
"Tag des Zornes", einem Ausdruck aus der Apokalyptik des Alten Testamentes.
Deshalb hält der Gedanke an ein noch ausstehendes Gericht Gottes wieder
Einzug in die Hoffnung der Christen. Angst macht es ihnen nicht. Aber weil
die Geschichte weiterging, muß es ein Gericht Gottes über die
Taten der Menschen geben.
L. Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die
hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die
Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und
ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte
das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den
vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu
tun: Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis
wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen. Und ich hörte
die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die
versiegelt waren aus allen Stämmen Israels: aus dem Stamm Juda zwölftausend
versiegelt, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend,
aus dem Stamm Asser zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend,
aus dem Stamm Manasse zwölftausend, aus dem Stamm Simeon zwölftausend,
aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend,
aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend,
aus dem Stamm Benjamin zwölftausend versiegelt.
Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen
konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen;
die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern
und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme:
Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und
um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht
und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank
und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.
Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir: Wer sind diese,
die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen?
Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir:
Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben
ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des
Lammes.
Lied 350, 1
K. Zwei Zwischenspiele - zwischen den Zeilen Hinweise darauf, warum das Ende noch nicht gekommen ist - unterbrechen das Öffnen des Buches mit den sieben Siegeln, jenes sich bald offenbarenden Planes Gottes mit der Welt: Zunächst die Rettungsaktion der 144.000 Christen aus dem Judentum. Sie werden versiegelt, getauft. Die Zahl ist - wie alle anderen - symbolisch: In ihrer Höhe und Vollständigkeit sieht sie das Volk Israel grundsätzlich auch für Gottes neuen Bund, die Kirche als das neue Volk Gottes, bestimmt und erwählt. (Von Jehovas Zeugen und anderen Sektierern, die sich gern zu dieser Zahl rechnen, ist hier sicher nicht die Rede.). Es folgt das Bild von der unzählbaren Zahl der Märtyrer aus allen Völkern. Sie nehmen schon jetzt am himmlischen Lobpreis Gottes teil. Oder sieht Johannes voraus, was erst dereinst sein wird? (Aber spielt diese Unterscheidung von Gegenwart und Zukunft hier überhaupt noch eine Rolle? So gewiß ist doch die Rettung für die Verfolgten.) Die triumphierende Kirche nannte sie das Mittelalter. Das Blut des Lammes machte ihre Kleider hell: Als Bild ist das paradox, aber schon mehrfach war das weiße (Tauf-)Kleid Hinweis auf die Erlösten. Das Bild vom Thronsaal Gottes wird zum Bild paradiesischen Lebens, das Lamm zum Hirten: ein Traum für Schafe und Herden.
L. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.
Lied 148, 5
L. Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel wie eine halbe Stunde lang.
K. - Stille -
Stille - die Ruhe vor dem Sturm. Die Spannung steigt, auch die Erwartung
auf das Unerwartete. Drückendes Schweigen.
Und wir stehen unter dem Eindruck der Bilder, fragen uns, wann wird
das sein - und: Wird das so sein? Oder anders?
Johannes hat Visionen, er sieht Bilder, nicht die Zukunft selbst -
schon Zukunftsbilder, aber nach Art von Traumbildern. Die kann man enträtseln
- oder auch nicht. Jedenfalls gehen da Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
ineinander über. Zeit und Raum lösen sich auf. Es bleiben Bilder,
starke Bilder, vielfältig, ineinander übergehend, uns überliefert
in Worten, wie der Bericht eines Traumes - auch da greifen Bilder ineinander,
lösen sich ab, gehen ineinander über. In der Logik des Traumes
ist alles möglich und wirklich. Schon Träume sind keineswegs
Schäume, erst recht nicht diese apokalyptischen Bilder. Hier verkünden
sie den christlichen Glauben: Mittels der apokalyptischen Bilderwelt wird
Jesus gepriesen als das Lamm Gottes, das Opfer, das wie Gott über
Himmel und Erde herrscht. Für verfolgte Christen war das in Zeiten
großer Krisen - im heidnischen römischen Reich, später
beim Zusammenbruch der mittelalterlichen Ordnung und als Reaktion auf den
besserwisserischen, kämpferischen Unglauben des 19. Jahrhunderts ein
starker Trost. In harten Zeiten hilft es ja nicht, sich die Welt schönzureden:
Man muß wissen, woran man sich halten kann. Die Offenbarung des Johannes
sagt: an Christus, den Sieger.
Der Apokalyptiker sieht damit nicht nur, was erst sein wird, sondern
sieht, was schon ist (und andere nicht sehen) - und das sagt er, damit
auch andere es sehen. Wir lesen in diesen Texten also keine Rätsel
oder geheime Botschaften für die Zukunft, überliefert, damit
sie erst eine kluge Gegenwart oder noch schlauere Zukunft dekodiert - sondern
diese Texte wollen schon dem jeweiligen Leser und Hörer die Augen
öffnen für seine Welt. Anders gesagt: Johannes meint, die apokalyptischen
Ereignisse haben schon zu seiner Zeit begonnen. Die Welt seit Jesus ist
"am-zu-Ende-gehen".
Amen.
3. Die sieben Posaunen
K. Was bisher geschah: Der Seher Johannes - wohl ein aufgrund der Zerstörung
Jerusalems durch die Römer nach Kleinasien geflohener Judenchrist
- schreibt von der Insel Patmos einen Rundbrief. Sieben Gemeinden spricht
er ausdrücklich an, lobt und tadelt sie, spricht ihnen in Verfolgung
Mut zu. Was er als Vision mitteilt: Christus, das Lamm Gottes, öffnet
ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei kommt eine Reihe von endzeitlichen Ereignissen
in Gang. Bei aller Steigerung des Schreckens: Gott hält die Fäden
in der Hand. Für die Gläubigen öffnet sich ein Trostschreiben.
Mit dem Öffnen des siebten Siegel beginnt, was uns jetzt vor Augen
gestellt wird: das Blasen der sieben Posaunen. Das griechische Wort für
Posaune meint wohl das Schofar, das Widderhorn, das im Tempel erklang,
um wichtige Ereignisse, z.B. den Beginn eines neuen Jahres, anzukündigen.
L. Und ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen, und ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. Und ein anderer Engel kam und trat an den Altar und hatte ein goldenes Räuchergefäß; und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, daß er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron. Und der Rauch des Räucherwerks stieg mit den Gebeten der Heiligen von der Hand des Engels hinauf vor Gott.
Lied 133, 5
L. Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben. Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen hatten sich gerüstet zu blasen.
K. Wie der brennende Weihrauch zum Himmel steigt, so die Gebete der
verfolgten Christen - und führt zu einer Reaktion von oben: Glühende
Kohle fällt auf die Erde: Plagen kommen, Gottes Strafgericht geht
weiter.
Was beim Öffnen der sieben Siegel begann, geschieht nun in gesteigerter
Form: Die Schäden nehmen zu, nehmen kosmische Dimension an.
Obwohl die Ereignisse nacheinander erzählt werden, nehmen die
meisten Ausleger heute an, daß es Johannes nicht wirklich um ein
Nacheinander geht, sondern um zunehmende Steigerung und Verdichtung des
Schreckens, musikalisch gesprochen: um ein beständiges Crescendo.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der zweite Engel blies seine Posaune; und es stürzte etwas wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der vierte Engel blies seine Posaune; und es wurde geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, so daß ihr dritter Teil verfinstert wurde und den dritten Teil des Tages das Licht nicht schien, und in der Nacht desgleichen. Und ich sah, und ich hörte, wie ein Adler mitten durch den Himmel flog und sagte mit großer Stimme: Weh, weh, weh denen, die auf Erden wohnen wegen der anderen Posaunen der drei Engel, die noch blasen sollen!
K. Die ersten vier Posaunen lassen Plagen herbeikommen, die an jene Plagen erinnern, die Gott über die Ägypter kommen ließ, als der Pharao Gottes erwählte Volk nicht freilassen wollte: Hagel, Wasser zu Blut, Finsternis. Aber sie werden ins Kosmische geweitet. So gelten sie als Verwirklichung des göttlichen Gerichts. Den fallenden Stern Wermut haben amerikanische Fundamentalisten aufgrund sprachlich ähnlichen Klanges mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1987 entschlüsseln wollen. Solche Deutungen übersehen, daß der Seher Johannes nicht Andeutungen über Gottes Gericht machen wollte, die erst einer ihm fernen Zukunft würden verständlich werden können, sondern schon seiner Zeit. Auch die mußten mit dem fallenden Stern schon etwas anfangen können - und verstand darunter einen Unheilsdämon, der das Wasser ungenießbar macht. Wermut galt als giftig. Nicht Tschernobyl, die biblische Sintflut steht hier Pate: Wenn alles verdorben ist, dann kommt das Chaos vor der Schöpfung wieder.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der fünfte Engel blies seine Posaune; und ich sah einen
Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm wurde der Schlüssel
zum Brunnen des Abgrunds gegeben. Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf,
und es stieg auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen
Ofens, und es wurden verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch
des Brunnens. Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen
wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.
Und es wurde ihnen gesagt, sie sollten nicht Schaden tun dem Gras auf
Erden noch allem Grünen noch irgendeinem Baum, sondern allein den
Menschen, die nicht das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen. Und ihnen
wurde Macht gegeben, nicht daß sie sie töteten, sondern sie
quälten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual von
einem Skorpion, wenn er einen Menschen sticht. Und in jenen Tagen werden
die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben,
und der Tod wird von ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sahen aus wie
Rosse, die zum Krieg gerüstet sind, und auf ihren Köpfen war
etwas wie goldene Kronen, und ihr Antlitz glich der Menschen Antlitz; und
sie hatten Haar wie Frauenhaar und Zähne wie Löwenzähne
und hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel
war wie das Rasseln der Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen, und
hatten Schwänze wie Skorpione und hatten Stacheln, und in ihren Schwänzen
war ihre Kraft, Schaden zu tun den Menschen fünf Monate lang; sie
hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds; sein Name
heißt auf hebräisch Abaddon, und auf griechisch hat er den Namen
Apollyon.
Das erste Wehe ist vorüber; siehe, es kommen noch zwei Wehe danach.
K. Was ist mit dem "Brunnen des Abgrunds" gemeint? Das Bild erinnert
als Reales an den Ausbruch eines Vulkans mit seinen Lavaströmen, spielt
aber an auf antike Vorstellungen von einem Abgrund als Gefängnis böser
Geister, wie sie beispielsweise das nichtbiblische Henochbuch erwähnt.
Die Geister werden frei und plagen die Menschen wie die Heuschreckenplage
die alten Ägypter - nur noch schrecklicher: Keine realen,sondern dämonische
Wesen sind los. Moderne Phantasiegestalten wie Frankenstein, Godzilla oder
der "Alligator des Grauens" sind nur ein schwaches Echo dieser Superplagen.
Aber es fällt auf, daß die Trivialunterhaltung des 20. Jahrhunderts
von der Wiederkehr dämonischer Gestalten geprägt ist (Buffy,
Angel), die es doch nach modern-aufgeklärtem Bewußtsein gar
nicht geben dürfte.
Johannes bedient sich hier jahrhundertealter, im arabischen Raum überlieferter
Geschichten. Noch heute kann man sie hören. Ein Ausleger berichtet:
"Ich hörte aber von einem Araber aus der Wüste in der Gegend
von Basra eine besondere Vergleichung der Heuschrecken mit anderen Tieren.
... Er verglich den Kopf einer Heuschrecke mit dem Kopf eines Pferdes,
ihre Brust mit der Brust eines Löwen, ihre Füße mit den
Füßen eines Kamels, ihren Leib mit dem Leib einer Schlange,
ihren Schwanz mit dem Schwanz eines Skorpions, ihre Fühlhörner
... mit den Haaren einer Jungfrau." Der Unterschied: Bei Johannes handelt
es sich um mächtige dämonische Wesen aus der Unterwelt, die in
der Mythologie Realität ist - mit einer Anspielung auf den griechischen
Gott Apollon.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der sechste Engel blies seine Posaune; und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott; die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Laß los die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Strom Euphrat. Und es wurden losgelassen die vier Engel, die bereit waren für die Stunde und den Tag und den Monat und das Jahr, zu töten den dritten Teil der Menschen. Und die Zahl des reitenden Heeres war vieltausendmal tausend; ich hörte ihre Zahl. Und so sah ich in dieser Erscheinung die Rosse und die darauf saßen: Sie hatten feuerrote und blaue und schwefelgelbe Panzer, und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen, und aus ihren Mäulern kam Feuer und Rauch und Schwefel. Von diesen drei Plagen wurde getötet der dritte Teil der Menschen, von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihren Mäulern kam. Denn die Kraft der Rosse war in ihrem Maul und in ihren Schwänzen; denn ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter, und mit denen taten sie Schaden. Und die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, bekehrten sich doch nicht von den Werken ihrer Hände, daß sie nicht mehr anbeteten die bösen Geister und die goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen, die weder sehen noch hören noch gehen können, und sie bekehrten sich auch nicht von ihren Morden, ihrer Zauberei, ihrer Unzucht und ihrer Dieberei.
K. Die Vergeltung an den Gottlosen geht weiter. - Den dämonischen
Reitern werden in der Welt von damals die Partherheere entsprechen, die
sich an der Ostgrenze des römischen Reiches zu Eroberungsfeldzügen
rüsteten. Johannes weidet sich hier zwar nicht am Tod der vielen,
die Bilder leben aber vom Prinzip der gerechten Vergeltung. Das ist kein
christlicher Gedanke, aber im Alten Bund wohl begründet: Gott wird
jedem nach seinen Taten vergelten, die Ungläubigen erhalten die Strafe
für ihre bösen Taten.
Johannes - und für uns - ist der Gedanke wichtig: Gottes Strafaktion,
sein Gericht, das wird nicht erst eines Tages kommen, es hat schon begonnen.
Der Seher sieht das - und aufgrund seiner Botschaft können auch die
Gläubigen das so wahrnehmen. Was für die einen bloß eine
militärische Niederlage ist, ist in den Augen der Christen Gottes
Strafe über das heidnische Rom. Auch das ist grundsätzlich schon
ein jüdischer Gedanke: Gott wirkt nicht nur am Anfang und am Ende
der Geschichte, sondern mitten drin. Solange der Ungläubige das nicht
sieht, wird er sich nicht bekehren.
L. Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herabkommen, mit einer Wolke bekleidet, und der Regenbogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen.
Lied 143, 1+2
L. Und er hatte in seiner Hand ein Büchlein, das war aufgetan. Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde, und er schrie mit großer Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er schrie, erhoben die sieben Donner ihre Stimme.
Orgel: - Donner -
L. Und als die sieben Donner geredet hatten, wollte ich es aufschreiben. Da hörte ich eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreib es nicht auf! Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, und die Erde und was darin ist, und das Meer und was darin ist: Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes, wie er es verkündigt hat seinen Knechten, den Propheten.
K. Mit dem Stichwort "sieben Donner" scheint auf den ersten Blick eine neue Reihe von Endzeitereignissen einzusetzen, aber nein: "Es soll hinfort keine Zeit mehr sein." Mit dem Erklingen der siebten Posaune beginnt endgültig das Ende. Ein versteckter Trost kommt hier zum Ausdruck: Das Ende ist in Sicht!
L. Und die Stimme, die ich vom Himmel gehört hatte, redete abermals
mit mir und sprach: Geh hin, nimm das offene Büchlein aus der Hand
des Engels, der auf dem Meer und auf der Erde steht! Und ich ging hin zu
dem Engel und sprach zu ihm: Gib mir das Büchlein! Und er sprach zu
mir: Nimm und verschling's! Und es wird dir bitter im Magen sein, aber
in deinem Mund wird's süß sein wie Honig. Und ich nahm das Büchlein
aus der Hand des Engels und verschlang's. Und es war süß in
meinem Mund wie Honig, und als ich's gegessen hatte, war es mir bitter
im Magen. Und mir wurde gesagt: Du mußt abermals weissagen von
Völkern und Nationen und Sprachen und vielen Königen. Und es
wurde mir ein Rohr gegeben, einem Meßstab gleich, und mir wurde
gesagt: Steh auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die
dort anbeten. Aber den äußeren Vorhof des Tempels laß
weg und miß ihn nicht, denn er ist den Heiden gegeben; und die heilige
Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang. Und ich will meinen
zwei Zeugen Macht geben, und sie sollen weissagen tausendzweihundertundsechzig
Tage lang, angetan mit Trauerkleidern.
Diese sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor
dem Herrn der Erde stehen. Und wenn ihnen jemand Schaden tun will, so kommt
Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde; und wenn ihnen jemand Schaden
tun will, muß er so getötet werden. Diese haben Macht, den Himmel
zu verschließen, damit es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung,
und haben Macht über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln und
die Erde zu schlagen mit Plagen aller Art, sooft sie wollen. Und wenn sie
ihr Zeugnis vollendet haben, so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt,
mit ihnen kämpfen und wird sie überwinden und wird sie töten.
Und ihre Leichname werden liegen auf dem Marktplatz der großen Stadt,
die heißt geistlich: Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt
wurde.
Und Menschen aus allen Völkern und Stämmen und Sprachen und
Nationen sehen ihre Leichname drei Tage und einen halben und lassen nicht
zu, daß ihre Leichname ins Grab gelegt werden. Und die auf Erden
wohnen, freuen sich darüber und sind fröhlich und werden einander
Geschenke senden; denn diese zwei Propheten hatten gequält, die auf
Erden wohnten. Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist
des Lebens von Gott, und sie stellten sich auf ihre Füße; und
eine große Furcht fiel auf die, die sie sahen.
Lied 151, 6
L. Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen:
Steigt herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel in einer Wolke, und es
sahen sie ihre Feinde. Und zu derselben Stunde geschah ein großes
Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt stürzte ein; und es wurden
getötet in dem Erdbeben siebentausend Menschen, und die andern erschraken
und gaben dem Gott des Himmels die Ehre.
Das zweite Wehe ist vorüber; siehe, das dritte Wehe kommt schnell.
K. Das süß-bittere "Büchlein" bringt eine gute und eine
schlechte Nachricht: Das Unheil der einen ist das Heil der anderen. Bei
dem befremdlichen Auftrag an den Seher Johannes, den Tempel auszumessen,
wird das deutlich: Ein Teil, der eigentliche Tempel, wird bewahrt, der
Rest preisgegeben. Johannes greift hier einen zelotischen Orakelspruch
auf: In der Endphase des jüdischen Krieges gegen die Römer hatte
sich eine Gruppe von Zeloten im Tempel verschanzt und dort Gottes unmittelbares
Eingreifen zur Rettung des Tempels erwartet. Johannes überträgt
diese (historisch ja enttäuschte) Hoffnung auf das neue Volk Gottes:
Das, nicht Jerusalem, wird bewahrt werden - inmitten aller Katastrophen.
Diese Verheißung wird beispielhaft am Schicksal der "zwei Zeugen":
Zwei charismatische Prediger werden große Taten tun, am Ende durch
das "Tier aus dem Abgrund" überwunden, getötet und von Gottes
Geist zu neuem Leben erweckt werden.
Das erinnert an apokalyptische Geschichten, die über Mose und
Elia und ihre Wiederkehr am Ende der Tage umliefen. Wir kennen wohl gar
nicht alle diese nichtbiblischen Traditionen, überliefert ist aber
beispielsweise eine Elia-Apokalypse. Bemerkenswert ist dort der Gedanke
an eine Auferstehung schon vor der allgemeinen Auferstehung der Toten am
Ende der Zeiten.
Als die Christen das dann von Jesus bezeugten, haben sie also nichts
erfunden, was nicht schon als Hoffnungsgedanke vorhanden war. Ähnlich
verfährt Johannes hier: Aus in bestimmten apokalyptischen Kreisen
umlaufenden jüdischen Geschichten macht er ein großes Gemälde
christlicher Endzeithoffnung.
Uns mögen einzelne Aspekte und Gedanken davon fremd und seltsam
erscheinen - das liegt daran, daß wir nicht in einem Umfeld leben,
in dem alle diese Geschichten noch lebendig wären. Im Allgemeinen
war es ja stets eher die Kunst als die Theologie, die sich der Bildwelt
der Offenbarung des Johannes annahm - und heute, da ist es Hollywoods Filmproduktion.
Sie bringt Endzeitgeschichten ohne Ende: Bilder von Heil und Unheil, Bilder
und Gegenbilder. Apokalypse now. Krisenzeiten suchen Vergewisserung in
den Bildern des Bösen. Ihnen zum Trotz: Gott hat nicht abgedankt.
Orgel: Posaunenstoß
L. Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große
Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn
und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen
saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen:
Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst,
daß du an dich genommen hast deine große Macht und herrschest!
Und die Völker sind zornig geworden; und es ist gekommen dein Zorn
und die Zeit, die Toten zu richten und den Lohn zu geben deinen Knechten,
den Propheten und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten,
den Kleinen und den Großen, und zu vernichten, die die Erde vernichten.
Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan, und die Lade seines Bundes
wurde in seinem Tempel sichtbar; und es geschahen Blitze und Stimmen und
Donner und Erdbeben und ein großer Hagel.
K. Mit dem Erklingen der siebten Posaune beginnen die Visionen vom Ende, die wir uns in der nächsten Woche vor Augen stellen. Zuvor bringt Johannes einen Hymnus, ein Lied auf den Herrschaftsantritt Gottes. Das ist ihm immer das Wichtigste - nicht die Schreckensereignisse, sondern daß Gott der Herr bleibt. So beantwortet die Offenbarung des Johannes eine Frage, die sich Gläubigen im Lauf der Geschichte immer wieder gestellt hat: Ist die Welt nicht längst zum Teufel gegangen? Sein Nein begründet Johannes mit dem Gedanken von der Herrschaft des Lammes Jesus Christus - und mit dem aus dem Alten Testament bekannten Gedanken, daß auch die schrecklichsten Plagen noch aus der Hand Gottes kommen. Er hält auch den Schrecken noch unter Kontrolle. Das ist die Gute Nachricht nach Johannes - für die, die unter Schrecklichem leiden. Gott hält die Fäden in der Hand, er wird sich gegen alle Mächte des Unheils durchsetzen - selbst wenn dazu die alte Welt untergehen muß.
Lied 149, 1+2
4. Der Drache und das Lamm
K. Nach der Feier des Lebens (Taufe) - nun Bilder des Todes: Wie paßt das zusammen? Der Seher Johannes erlebt den Beginn der Christenverfolgungen. Er sucht Trost und Hilfe - und findet das im Gedanken an den Sieg Jesu Christi. Die schrecklichen Bilder des Todes werden daher noch übertroffen von Bildern des Sieges. So hat die Offenbarung mit der Taufe zu tun: mit dem Übergang vom Tod ins Leben. So verkündet auch Johannes Evangelium, Frohe Botschaft. Erzählen die Evangelien das nach Art einer Geschichte des Lebens Jesu, entdecken die Briefe das im Leben der Kirche - so gestaltet Johannes ein weltgeschichtliches Drama, das Drama vom Kommen Gottes in Jesus Christus. Mit den Kapiteln 12 - 14 befinden wir uns in der Mitte des Hauptteils dieser dramatisierten Glaubenslehre. Dramatische, handlungsreiche, ausgesprochene Action-Bilder - doch fremd und aus alter, vorchristlicher Zeit.
L. Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit
der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf
ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und
schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.
Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer,
roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf
seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten
Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde.
Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er,
wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.
Lied 6, 4
L. Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden
sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und
seinem Thron.
Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet
von Gott, daß sie dort ernährt werde tausendzweihundertundsechzig
Tage.
Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften
gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie
siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel.
Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange,
die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt,
und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin
geworfen.
Lied 143, 4
K. Ganz verschiedene Motive standen hier Pate, meist jüdischen
Ursprungs: Die Himmelsfrau steht für das Volk Israel, aus dem der
messianische Herrscher geboren wird. Der ist von widergöttlicher Macht
bedroht, wird aber zu Gott gerettet, um einst seine Herrschaft anzutreten.
Rettung und Versorgung der Frau erinnern an den Wüstenzug des Volkes
Israel. Das kosmische Untier identifiziert Johannes zunächst mit der
Schlange aus dem Paradies und dem Ankläger aus dem Buch Hiob - mit
dem Teufel. Aber er wird hier noch viel konkreter werden.
Solche Himmelsdramen sind uns aus der Mythologie der Alten Welt viele
überliefert. Schon das apokalyptische Judentum hat sie sich erzählt
und dabei die heidnischen Vorlagen nach seinem Glauben umgeformt: Die Sterne
sind keine himmlischen Mächte mehr, sondern Lampen. Die Macht der
Sterne ist zwar noch bekannt - verblaßt aber vor der Macht Gottes.
(Ein bißchen ist das wie heutzutage: Jeder kennt sein Sternbild -
aber nur wenige glauben ernsthaft an Horoskope.) Die Himmelsfrau ist nicht
mehr die Göttin Isis, sondern ein himmlisches Bild für das Volk
Israel - die zwölf Sterne die zwölf Stämme. Jüdisch
ist auch die Geschichte vom Kampf und Sieg Michaels und seiner Engel. Hier
kämpfen nicht zwei gleichartige Gegner wie Gott und Teufel in den
altiranischen Mythen. Der Drache ist kein ernstzunehmender Gegenspieler.
Schon Gottes Engel haben ihn geschlagen. Sein Platz ist nicht im Himmel.
Der ist Herrschaftraum Gottes. Dieser Teufel kann nur noch den Menschen
gefährlich werden - indem er sie zum Abfall von Gott verführt.
Im Himmel kann schon das Siegeslied angestimmt werden - und dieses Lied
hat auch die irdischen Märtyrer, die Sieger vor Augen:
Denn für Johannes gehört auch die Kirche zum Volk Israel
- als das wahre Israel.
L. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.
Lied 109, 4 und 5
L. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod. Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat.
Lied 362, 3
L. Und als der Drache sah, daß er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. Und es wurden der Frau gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, daß sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt werden sollte eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange. Und die Schlange stieß aus ihrem Rachen Wasser aus wie einen Strom hinter der Frau her, um sie zu ersäufen. Aber die Erde half der Frau und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache ausstieß aus seinem Rachen. Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu. Und er trat an den Strand des Meeres.
K. Auf Erden geht das Drama weiter: Vor dem Kommen Gottes kommen widergöttliche Mächte. Israel wird durch sie bedroht und erhält Schutz - von oben und unten. Die insgesamt drei dämonischen Tiere - der Drache, das nun folgende Tier aus dem Meer und das Tier vom Land äffen den christlichen Gottesgedanken nach: ein Gegner in dreierlei Gestalt.
L. Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier, und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm kämpfen? Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang. Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und sein Haus und die im Himmel wohnen. Und ihm wurde Macht gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen. Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an, deren Namen nicht vom Anfang der Welt an geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet ist.
Zwischenruf:
Hat jemand Ohren, der höre!
Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis
kommen; wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann
wird er mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube
der Heiligen!
Lied 136, 3
K. Mit dem zweiten Tier, gestaltet nach alten Motiven aus dem Buch des
Propheten Daniel, spielt Johannes konkret auf das römische Reich an.
Das setzt sich durch den von den Untertanen verlangten Kaiserkult an die
Stelle Christi - ist der Antichrist. Die merkwürdige Geschichte von
der tödlichen, aber heilenden Wunde könnte eine Anspielung sein
auf den damals populären Mythos vom Nero redivivus. Es heißt:
Kaiser Nero, jener gefürchtete Tyrann, sei gar nicht durch eigene
Hand umgekommen, sondern zu den Parthern geflohen und werde mit deren Hilfe
bald wieder seine Schreckensherrschaft errichten. Bei Johannes wird daraus
allerdings die Vision einer noch schrecklicheren künftigen Schreckensherrschaft,
die den Menschen den Glauben an Jesus Christus als den Herrn abspenstig
machen wird.
Damit greift Johannes über seine Zeit hinaus in die Zukunft -
und immer wieder haben Christen Anlaß gehabt, konkrete Gestalten
ihrer Zeit als das "Tier aus dem Meer" zu fürchten: Für Luther
war es das Papsttum, für das zwanzigste Jahrhundert die Ideologien
Nationalsozialismus und Kommunismus. Und für uns? Was setzt sich für
uns an die Stelle Jesu Christi? Was sollen wir nach Meinung unserer Mitmenschen
auf Platz 1 setzen und anbeten? Ist unsere Gesellschaft heutzutage wirklich
so tolerant, daß wir frei zu Jesus Christus beten können - oder
verbirgt nicht auch die Demokratie eine 'höhere' Ideologie?
L. Und ich sah ein zweites Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache. Und es übt alle Macht des ersten Tieres aus vor seinen Augen, und es macht, daß die Erde und die darauf wohnen, das erste Tier anbeten, dessen tödliche Wunde heil geworden war. Und es tut große Zeichen, so daß es auch Feuer vom Himmel auf die Erde fallen läßt vor den Augen der Menschen; und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen, die zu tun vor den Augen des Tieres ihm Macht gegeben ist; und sagt denen, die auf Erden wohnen, daß sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, daß alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden. Und es macht, daß sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, und daß niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.
Zwischenruf:
Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des
Tieres; denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist 666.
K. Die Zahl des Tieres, ein Rätsel nach Art der in der Antike beliebten
Gematrie: Man nehme die Zahlenwerte der Buchstaben... (Unser Zahlensystem
war ja noch nicht bekannt, das haben erst arabische Mathematiker entwickelt.)
Und was kommt dabei heraus? Die wahrscheinlichste Lösung ist der Name
des Kaisers Nero - also wieder die Anspielung auf die Legende vom wiederkehrenden
Kaiser Nero. Konkreter denkt Johannes wohl an den Provinziallandtag der
Asiarchen, eine politisch-religiöse Institution, die Tempel baute
und für den römischen Kaiserkult Propaganda machte. Christen
können da nicht mitmachen - aber wenn sie sich verweigern, begeben
sie sich ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Abseits.
Natürlich ist der Text mit dieser zeitgeschichtlichen Erklärung
nicht erledigt, zum alten Eisen gelegt. Er ruft jede Zeit zur Entscheidung
für Jesus Christus - und läßt uns wachsam sein: Was ist
denn in unserer Gesellschaft das oberste Gebot? Der Atheismus, der da sagt:
Nicht Genaues weiß man nicht? Die scheinbar fromme Ansicht: Wir haben
doch alle denselben Gott - weil: Es gibt doch nur einen? Oder gar die hochgelobte
Toleranz? Die religiöse Gleichgültigkeit, für die alles
gleich gültig zu sein hat? In welcher Partei können heutzutage
noch erklärte Christen Karriere machen? Und wie christlich wirtschaften
die Kirchen? Haben auch sie sich nicht längst mit der Gesellschaft
gemein gemacht? Funktionieren sie nicht längst als gesellschaftlich
relevante Gruppen unter anderen? Die Offenbarung des Johannes ist Kirchenkritik
in höchster Potenz. Der Antichrist - das sind alle, die sich an Christi
Stelle setzen.
L. Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit
ihm Hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den
Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn. Und ich hörte eine
Stimme vom Himmel wie die Stimme eines großen Wassers und wie
die Stimme eines großen Donners, und die Stimme, die ich hörte,
war wie von Harfenspielern, die auf ihren Harfen spielen.
Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Gestalten
und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen außer den
Hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde. Diese sind's,
die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind jungfräulich;
die folgen dem Lamm nach, wohin es geht. Diese sind erkauft aus den Menschen
als Erstlinge für Gott und das Lamm, und in ihrem Mund wurde kein
Falsch gefunden; sie sind untadelig.
K. Die 144 000 - alles Asketen? Jungfrauen beiderlei Geschlechts? Johannes scheint das so zu sehen. Oder ist das wieder einmal geheimnisvoll-apokalyptisch chiffriert? Jungfrauen sind dann die, die nicht von Jesus Christus abtrünnig wurden. Sind es nicht die mit dem Zeichen Christi Versiegelten, die Getauften? Natürlich ist die Zahl symbolisch, eine Vervielfachung der zwölf Stämme Israels - aber werde ich zu ihnen gehören? Johannes tröstet: Getaufte gehören dazu.
L. Und ich sah einen andern Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern. Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen!
Lied 286, 1
L. Und ein zweiter Engel folgte, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist
gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein
ihrer Hurerei getränkt alle Völker.
Und ein dritter Engel folgte ihnen und sprach mit großer Stimme:
Wenn jemand das Tier anbetet und sein Bild und nimmt das Zeichen an seine
Stirn oder an seine Hand, der wird von dem Wein des Zornes Gottes trinken,
der unvermischt eingeschenkt ist in den Kelch seines Zorns, und er wird
gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und
vor dem Lamm.
Und der Rauch von ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit;
und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier anbeten und sein Bild,
und wer das Zeichen seines Namens annimmt.
Zwischenruf:
Hier ist Geduld der Heiligen! Hier sind, die da halten die Gebote Gottes
und den Glauben an Jesus!
L. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.
Lied 63, 4
L. Und ich sah, und siehe, eine weiße Wolke. Und auf der Wolke
saß einer, der gleich war einem Menschensohn; der hatte eine goldene
Krone auf seinem Haupt und in seiner Hand eine scharfe Sichel.
Und ein andrer Engel kam aus dem Tempel und rief dem, der auf der Wolke
saß, mit großer Stimme zu: Setze deine Sichel an und ernte;
denn die Zeit zu ernten ist gekommen, denn die Ernte der Erde ist reif
geworden. Und der auf der Wolke saß, setzte seine Sichel an die Erde,
und die Erde wurde abgeerntet.
Und ein andrer Engel kam aus dem Tempel im Himmel, der hatte ein scharfes
Winzermesser.
Und ein andrer Engel kam vom Altar, der hatte Macht über das Feuer
und rief dem, der das scharfe Messer hatte, mit großer Stimme zu:
Setze dein scharfes Winzermesser an und schneide die Trauben am Weinstock
der Erde, denn seine Beeren sind reif! Und der Engel setzte sein Winzermesser
an die Erde und schnitt die Trauben am Weinstock der Erde und warf sie
in die große Kelter des Zornes Gottes. Und die Kelter wurde draußen
vor der Stadt getreten, und das Blut ging von der Kelter bis an die Zäume
der Pferde, tausendsechshundert Stadien weit.
K. Drei Engel verkünden den Anbruch des Gerichtes Gottes. Sichelmesser
und Kelter - alttestamentliche Bilder: Ernte als Bild des Gerichtes. (Daher
noch unser Bild vom Tod als Sensemann.) Versinkt die Welt am Ende in Blut?
Johannes ist hier aber noch nicht am Ende seiner Visionen angekommen.
Doch er zeigt uns schon: Die Weltmacht Rom (chiffriert als Babylon) geht
unter - und alle Welt ist von Gottes Gericht betroffen. (Alb-)Traumbildern
gleich geht es noch weiter. Aber zwischendurch sind da immer die Weckrufe,
die zum Festhalten am Glauben mahnen. Verliert euch nicht in der Welt und
an die Welt! Nicht immer sind die uralten Bilder wirklich gänzlich
"verchristlicht" - so ist gut jüdisch, aber schlecht christlich von
den Werken die Rede, die den Toten nachfolgen - aber immer wird uns die
tröstliche Herrschaft Jesu Christi vor Augen gestellt. Für die
Getauften gilt ja Gottes Zusage: "Fürchte dich nicht. Ich habe dich
bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."
5. Die sieben Schalen - Der Fall Babylons
K. Ihr Opfer von heute seid die Sieger von morgen - darum könnt ihr die Siegesfeier schon jetzt - inmitten der Verfolgung - beginnen: Das will der Seher Johannes sagen. Und damit gibt er Antwort auf die moderne Totschlagfrage, die den Glauben an Gott für unsinnig erklären will: "Wie kann Gott all das Böse zulassen?" Noch einmal seine grundlegende Antwort: Gott bekämpft das Böse, er wird es besiegen, und deshalb können wir schon heute an ihn glauben, mehr noch: ihn loben und preisen. Seine zweite Antwort: Nicht alles, was wir für unangenehm halten, ist Werk des Bösen. Katastrophen können auch Ausdruck von Gottes Kampf gegen das Böse sein, Teil seines Gerichts über die Welt.
Beim Hören der Offenbarung des Johannes kommen wir heute zum Höhepunkt dieses Typs von Plagen. Sie erinnern an die Plagen über Ägypten, und wie diese richten sie sich nur gegen die Feinde Gottes, die Anhänger des "Tieres". Dahinter verbirgt sich das heidnische Rom - als Inbegriff einer weltlichen Macht, die den Glauben an den wahren Gott bedroht, weil sie selber Respekt und Anerkennung verlangt.
L. Und ich sah ein andres Zeichen am Himmel, das war groß und
wunderbar: sieben Engel, die hatten die letzten sieben Plagen; denn
mit ihnen ist vollendet der Zorn Gottes.
Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt;
und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über
die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten
Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das
Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger
Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten
vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.
Lied 123, 9
L. Danach sah ich: Es wurde aufgetan der Tempel, die Stiftshütte im Himmel, und aus dem Tempel kamen die sieben Engel, die die sieben Plagen hatten, angetan mit reinem, hellem Leinen und gegürtet um die Brust mit goldenen Gürteln. Und eine der vier Gestalten gab den sieben Engeln sieben goldene Schalen voll vom Zorn Gottes, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und der Tempel wurde voll Rauch von der Herrlichkeit Gottes und von seiner Kraft; und niemand konnte in den Tempel gehen, bis die sieben Plagen der sieben Engel vollendet waren.
K. Plagen als Ausdruck von Gottes Zorn stehen bevor - doch schon zuvor singen die Sieger das Lob Gottes: Wie einst Israel am Schilfmeer, so versammelt sich die Kirche unter dem von Blitzen durchzogenen Himmelsgewölbe, um das "Lied des Mose und des Lammes" anzustimmen. Die Vision vom himmlischen Tempel voller Rauch bedeutet: Gott erscheint unter seinem Gegenteil, die Plagen sind Ausdruck seines Zornes und Gerichtes. Hinter diesen Plagen steht also Gott - was die Ungläubigen (wie einst die alten Ägypter) aber nicht erkennen: Es herrscht Gottesfinsternis.
L. Und ich hörte eine große Stimme aus dem Tempel, die sprach
zu den sieben Engeln: Geht hin und gießt aus die sieben Schalen des
Zornes Gottes auf die Erde!
Und der erste ging hin und goß seine Schale aus auf die Erde;
und es entstand ein böses und schlimmes Geschwür an den Menschen,
die das Zeichen des Tieres hatten und die sein Bild anbeteten.
Und der zweite Engel goß aus seine Schale ins Meer; und es wurde
zu Blut wie von einem Toten, und alle lebendigen Wesen im Meer starben.
Und der dritte Engel goß aus seine Schale in die Wasserströme
und in die Wasserquellen; und sie wurden zu Blut. Und ich hörte den
Engel der Wasser sagen: Gerecht bist du, der du bist und der du warst,
du Heiliger, daß du dieses Urteil gesprochen hast; denn sie haben
das Blut der Heiligen und der Propheten vergossen, und Blut hast du ihnen
zu trinken gegeben; sie sind's wert. Und ich hörte den Altar
sagen: Ja, Herr, allmächtiger Gott, deine Gerichte sind wahrhaftig
und gerecht.
Und der vierte Engel goß aus seine Schale über die Sonne;
und es wurde ihr Macht gegeben, die Menschen zu versengen mit Feuer. Und
die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten
den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich
nicht, ihm die Ehre zu geben.
Und der fünfte Engel goß aus seine Schale auf den Thron
des Tieres; und sein Reich wurde verfinstert, und die Menschen zerbissen
ihre Zungen vor Schmerzen und lästerten Gott im Himmel wegen ihrer
Schmerzen und wegen ihrer Geschwüre und bekehrten sich nicht von ihren
Werken.
Und der sechste Engel goß aus seine Schale auf den großen
Strom Euphrat; und sein Wasser trocknete aus, damit der Weg bereitet
würde den Königen vom Aufgang der Sonne. Und ich sah aus dem
Rachen des Drachen und aus dem Rachen des Tieres und aus dem Munde
des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, gleich Fröschen;
es sind Geister von Teufeln, die tun Zeichen und gehen aus zu den Königen
der ganzen Welt, sie zu versammeln zum Kampf am großen Tag Gottes,
des Allmächtigen.
- Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig ist, der da wacht und seine Kleider bewahrt, damit er nicht nackt gehe und man seine Blöße sehe. -
Und er versammelte sie an einen Ort, der heißt auf hebräisch Harmagedon.
K. Harmagedon, Gebirge von Megido, Ort der endzeitlichen Schlacht zwischen Gut und Böse: wiederholende Überbietung jener Schlacht, die der gute König Josia einst geführt hatte. Damals konnte er die Zerstörung des Tempels nicht verhindern, nun aber wird Gott den Sieg bringen. Die Plagen nehmen ein immer größeres Ausmaß an. Zugleich aber konzentrieren sie sich und nehmen die Anhänger des Tieres ins Visier. Es gilt das alttestamentliche Prinzip der angemessenen Vergeltung: Die Untaten der Menschen fallen auf sie selbst zurück. Das ist das alte Verständnis von Gerechtigkeit: Was sich einer einbrockt, muß er auch auslöffeln. Das gilt zwar auch für weltliche Untaten des Menschen, wie heutzutage die globale Klimaveränderung, aber Johannes redet hier nicht von Naturkatastrophen schlechthin, seien sie auch von Menschen gemacht, sondern ihm geht es um Gottes Gericht über die Anhänger des "Tieres", des römischen Reiches. Pro oder contra Gott in Jesus Christus, das ist die Entscheidung: Aut Caesar - aut Christus, der Kaiser oder Christus: Das war die Devise. Johannes wird jetzt immer konkreter mit seinen Anspielungen auf die Zeit seiner nahen Zukunft.
L. Und der siebente Engel goß aus seine Schale in die Luft; und es kam eine große Stimme aus dem Tempel vom Thron, die sprach: Es ist geschehen! Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner, und es geschah ein großes Erdbeben, wie es noch nicht gewesen ist, seit Menschen auf Erden sind - ein solches Erdbeben, so groß. Und aus der großen Stadt wurden drei Teile, und die Städte der Heiden stürzten ein. Und Babylon, der großen, wurde gedacht vor Gott, daß ihr gegeben werde der Kelch mit dem Wein seines grimmigen Zorns. Und alle Inseln verschwanden, und die Berge wurden nicht mehr gefunden. Und ein großer Hagel wie Zentnergewichte fiel vom Himmel auf die Menschen; und die Menschen lästerten Gott wegen der Plage des Hagels; denn diese Plage ist sehr groß.
Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten,
redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir zeigen das Gericht über
die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, mit der die Könige
auf Erden Hurerei getrieben haben; und die auf Erden wohnen, sind betrunken
geworden von dem Wein ihrer Hurerei. Und er brachte mich im Geist in die
Wüste. Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen,
das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und
zehn Hörner. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und
geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen
goldenen Becher in der Hand, voll von Greuel und Unreinheit ihrer Hurerei,
und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große
Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Und ich sah
die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der
Zeugen Jesu. Und ich wunderte mich sehr, als ich sie sah.
Und der Engel sprach zu mir: Warum wunderst du dich? Ich will dir sagen
das Geheimnis der Frau und des Tieres, das sie trägt und sieben Häupter
und zehn Hörner hat. Das Tier, das du gesehen hast, ist gewesen und
ist jetzt nicht und wird wieder aufsteigen aus dem Abgrund und wird in
die Verdammnis fahren. Und es werden sich wundern, die auf Erden wohnen,
deren Namen nicht geschrieben stehen im Buch des Lebens vom Anfang der
Welt an, wenn sie das Tier sehen, daß es gewesen ist und jetzt nicht
ist und wieder sein wird.
Lied 396, 3
L. Hier ist Sinn, zu dem Weisheit gehört!
Die sieben Häupter sind sieben Berge, auf denen die Frau sitzt,
und es sind sieben Könige. Fünf sind gefallen, einer ist da,
der andre ist noch nicht gekommen; und wenn er kommt, muß er eine
kleine Zeit bleiben.
Und das Tier, das gewesen ist und jetzt nicht ist, das ist der achte
und ist einer von den sieben und fährt in die Verdammnis. Und die
zehn Hörner, die du gesehen hast, das sind zehn Könige, die ihr
Reich noch nicht empfangen haben; aber wie Könige werden sie für
eine Stunde Macht empfangen zusammen mit dem Tier. Diese sind eines Sinnes
und geben ihre Kraft und Macht dem Tier. Die werden gegen das Lamm kämpfen,
und das Lamm wird sie überwinden, denn es ist der Herr aller Herren
und der König aller Könige, und die mit ihm sind, sind die Berufenen
und Auserwählten und Gläubigen.
Lied 1, 1
L. Und er sprach zu mir: Die Wasser, die du gesehen hast, an denen die Hure sitzt, sind Völker und Scharen und Nationen und Sprachen. Und die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier, die werden die Hure hassen und werden sie ausplündern und entblößen und werden ihr Fleisch essen und werden sie mit Feuer verbrennen. Denn Gott hat's ihnen in ihr Herz gegeben, nach seinem Sinn zu handeln und eines Sinnes zu werden und ihr Reich dem Tier zu geben, bis vollendet werden die Worte Gottes. Und die Frau, die du gesehen hast, ist die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige auf Erden.
K. Babylon und die Frau - das ist das heidnische Rom, dem Johannes den Untergang voraussagt. Er denkt dabei an Rom (die Stadt auf den sieben Hügeln) und dessen Alliierten, die aus seiner Weltherrschaft Nutzen ziehen. Rom wegen seiner Gottlosigkeit als Hure zu bezeichnen, war in jüdischen Kreisen seit dem Jahre 70 nach Christus geläufig. Hurerei war die jüdische Bezeichnung, wenn das Volk den Bund Gottes mit ihm brach und wurde gegenüber den heidnischen Völkern zur Bezeichnung der Nichtanerkennung des Gottes Jahwe gebraucht, allgemein gesprochen: für die Gottlosigkeit der Völker. Rom hatte ja den Tempel zerstört, den Ort der Gegenwart Gottes - wie einst schon die Babylonier. Wie hatte Gott das zulassen können? Sicher als Strafe für sein Volk - aber eines Tages würde diese Untat auch am Täter gerächt werden, die 600 Jahre vor Johannes und die aktuelle: Dieses heidnische Rom wird fallen, wobei Gott sich seiner Gegner bedienen wird, der ebenfalls widergöttlichen, heidnischen Anhänger des Tieres. Diese werden Rom vernichten. Mit der Nennung von sieben, bzw. zehn Königen wird Johannes derart konkret, daß wir annehmen können, daß er auf Ereignisse anspielt, die für ihn zwar (teilweise) noch in der (nahen) Zukunft liegen, für uns aber schon Vergangenheit sind. Er bedient sich dabei der damals populären Legende vom Nero redivivus, vom wiederkehrenden Nero - von der haben wir ja schon gehört.
Das heidnische Rom ist ja nun in der Tat untergegangen - wenn auch, historisch gesehen, anders, als Johannes das in seinen Visionen sah. Es kam im vierten Jahrhundert zur konstantinischen Wende, die Kaiser wurden Christen. Dennoch hat die christliche Kirche das Buch der Offenbarung des Johannes nicht zu den Akten gelegt, sondern zu den Schriften des Neuen Testamentes gezählt. Offensichtlich war seine Botschaft mit dem Eintritt der konstantinischen Wende noch nicht erledigt, sondern hatte noch eine Zukunftsdimension. Aber welche?
"Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht!" Auch
der Marxismus-Leninismus war in seiner Frühzeit ja apokalyptisch -
nur ohne Gott. Und immer wieder versuchen die Menschen - besonders in Krisenzeiten
- eine Nutzanwendung dieses Buches, indem sie immer wieder neu versuchen,
es auf bestimmte Ereignisse ihrer Zeit zu beziehen, auch auf Mächte
unserer Zeit (die USA, die UN, den Weltmarkt als das "Tier").
Schnell wird daraus ein unsagbar trivialer Film wie "Megiddo" (im August
wieder auf RTL II), oder etwas allgemein Katastrophisches wie "Armageddon",
ebenfalls ein Film, über die Bedrohung der Erde durch einen Riesenmeteor.)
Dennoch sind es keineswegs alles Sektierer oder Hollywoodproduzenten, die
mit biblischen Motiven Handel treiben. Nach dem Untergang Roms hat es ja
noch andere widergöttliche Herrschaft gegeben. Und es gibt sie immer
noch. Passen die Katastrophen der siebten Schale vielleicht auch eher auf
das Alte Rom, das Böse ist ja noch nicht vernichtet. - Und was ist
aus der Kirche Jesu Christi in solchen Zeiten geworden, in denen sie selbst
zu den Mächtigen der Welt gehörte? Hat sie nicht selbst Züge
der Hure Babylon angenommen? Das meinten jedenfalls die radikalen Frommen
aller Zeiten.
Aber anstatt nun mit den Worten der Offenbarung des Johannes in der Hand wie mit einem Schlüssel durch die Weltgeschichte zu laufen, auf der Suche nach (zwangsläufig immer wechselnden) Ereignissen, zu denen dieser Schlüssel paßt wie in ein Schloß, sollten wir jene Botschaft hören, die über den Fall Roms hinausgeht, die durch den Untergang des heidnischen Roms sogar noch an Glaubwürdigkeit gewinnt: die Botschaft vom Kommen Gottes in Christus, dem Lamm Gottes. Um im Bild zu bleiben: Statt mit dem apokalyptischen Schlüssel in der Hand durch den Markt der Möglichkeiten zu laufen, bis wir ein passendes Schloß gefunden haben, laßt uns auf den Schlüsseldienst warten. Der ist schon unterwegs, der Retter und Richter Jesus Christus.
L. Danach sah ich einen andern Engel herniederfahren vom Himmel, der
hatte große Macht, und die Erde wurde erleuchtet von seinem Glanz.
Und er rief mit mächtiger Stimme: Sie ist gefallen, sie ist gefallen,
Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und
ein Gefängnis aller unreinen Geister und ein Gefängnis aller
unreinen Vögel und ein Gefängnis aller unreinen und verhaßten
Tiere. Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken,
und die Könige auf Erden haben mit ihr Hurerei getrieben, und die
Kaufleute auf Erden sind reich geworden von ihrer großen Üppigkeit.
Und ich hörte eine andre Stimme vom Himmel, die sprach:
Geht hinaus aus ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhabt an ihren Sünden
und nichts empfangt von ihren Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis
an den Himmel, und Gott denkt an ihren Frevel. Bezahlt ihr, wie sie bezahlt
hat, und gebt ihr zweifach zurück nach ihren Werken! Und in den Kelch,
in den sie euch eingeschenkt hat, schenkt ihr zweifach ein! Wieviel Herrlichkeit
und Üppigkeit sie gehabt hat, soviel Qual und Leid schenkt ihr ein!
Denn sie spricht in ihrem Herzen: Ich throne hier und bin eine Königin
und bin keine Witwe, und Leid werde ich nicht sehen. Darum werden ihre
Plagen an einem Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie
verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet. Und es
werden sie beweinen und beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr
gehurt und gepraßt haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem
Brand, in dem sie verbrennt. Sie werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer
Qual und sprechen: Weh, weh, du große Stadt Babylon, du starke Stadt,
in einer Stunde ist dein Gericht gekommen! Und die Kaufleute auf Erden
werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen
wird: Gold und Silber und Edelsteine und Perlen und feines Leinen und Purpur
und Seide und Scharlach und allerlei wohlriechende Hölzer und allerlei
Gerät aus Elfenbein und allerlei Gerät aus kostbarem Holz und
Erz und Eisen und Marmor und Zimt und Balsam und Räucherwerk und Myrrhe
und Weihrauch und Wein und Öl und feinstes Mehl und Weizen und Vieh
und Schafe und Pferde und Wagen und Leiber und Seelen von Menschen. Und
das Obst, an dem deine Seele Lust hatte, ist dahin; und alles, was glänzend
und herrlich war, ist für dich verloren, und man wird es nicht mehr
finden. Die Kaufleute, die durch diesen Handel mit ihr reich geworden sind,
werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual, werden weinen und klagen:
Weh, weh, du große Stadt, die bekleidet war mit feinem Leinen und
Purpur und Scharlach und geschmückt war mit Gold und Edelsteinen und
Perlen, denn in einer Stunde ist verwüstet solcher Reichtum! Und alle
Schiffsherren und alle Steuerleute und die Seefahrer und die auf dem Meer
arbeiten, standen fernab und schrien, als sie den Rauch von ihrem Brand
sahen: Wer ist der großen Stadt gleich? Und sie warfen Staub auf
ihre Häupter und schrien, weinten und klagten: Weh, weh, du große
Stadt, von deren Überfluß reich geworden sind alle, die Schiffe
auf dem Meer hatten; denn in einer Stunde ist sie verwüstet!
Freue dich über sie, Himmel, und ihr Heiligen und Apostel und
Propheten! Denn Gott hat sie gerichtet um euretwillen.
Und ein starker Engel hob einen Stein auf, groß wie ein Mühlstein,
warf ihn ins Meer und sprach: So wird in einem Sturm niedergeworfen die
große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden. Und die Stimme
der Sänger und Saitenspieler, Flötenspieler und Posaunenbläser
soll nicht mehr in dir gehört werden, und kein Handwerker irgendeines
Handwerks soll mehr in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle
soll nicht mehr in dir gehört werden, und das Licht der Lampe soll
nicht mehr in dir leuchten, und die Stimme des Bräutigams und der
Braut soll nicht mehr in dir gehört werden. Denn deine Kaufleute waren
Fürsten auf Erden, und durch deine Zauberei sind verführt worden
alle Völker; und das Blut der Propheten und der Heiligen ist in ihr
gefunden worden, und das Blut aller derer, die auf Erden umgebracht worden
sind.
K. Hier geht es um die, die aus Roms Herrschaft ihren wirtschaftlichen Gewinn gezogen haben. Die haben nun allen Grund zum Klagen, sie bleiben auf ihren Luxusprodukten sitzen und finden keine Abnehmer mehr. Gottes Gericht hat hier sehr weltliche Folgen, Gott bedient sich der Wirtschaft. So konkret ist sein Gericht.
Für Johannes ist das alles noch Zukunftsmusik, aber er beschreibt es mit dem literarischen Stilmittel des vorweggenommenen Leichenklageliedes - so sicher ist der Untergang Roms. Dabei denkt er wohl an ganz reale Katastrophen und Wunder, die zum plötzlichen Untergang der römischen Herrschaft führen werden.
Für uns ist jenes Rom ja wirklich schon Vergangenheit. Dennoch
ist noch nicht alles Vergangenheit, was der Seher sieht, das "Hochzeitsmahl
des Lammes", jenes Ende der Geschichte Gottes mit den Menschen, das wir
am kommenden Sonntag vor Augen gestellt bekommen, steht noch aus - und
jede christliche Gegenwart, die Zeit der Kirche, steht schon unter den
Vorzeichen seines Kommens. Mit den Worten des Dichters Ernesto Cardenal
gesprochen: "Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen.
Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik."
L. Danach hörte ich etwas wie eine große Stimme einer großen
Schar im Himmel, die sprach: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und
die Kraft sind unseres Gottes! Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte,
daß er die große Hure verurteilt hat, die die Erde mit ihrer
Hurerei verdorben hat, und hat das Blut seiner Knechte gerächt, das
ihre Hand vergossen hat.
Lied 150, 6+7
L. Und sie sprachen zum zweitenmal: Halleluja! Und ihr Rauch steigt auf in Ewigkeit. Und die vierundzwanzig Ältesten und die vier Gestalten fielen nieder und beteten Gott an, der auf dem Thron saß, und sprachen: Amen, Halleluja! Und eine Stimme ging aus von dem Thron: Lobt unsern Gott, alle seine Knechte und die ihn fürchten, klein und groß!
Lied 447, 1+10
L. Und ich hörte etwas wie eine Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner, die sprachen: Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Laßt uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen. Und er sprach zu mir: Schreibe: Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind.
Lied 147, 2
K. Und schon heute hören wir die Einladung: "Schmecket und seht, wie freundlich der Herr ist."
L. Und er sprach zu mir: Dies sind wahrhaftige Worte Gottes. Und ich fiel nieder zu seinen Füßen, ihn anzubeten. Und er sprach zu mir: Tu es nicht! Ich bin dein und deiner Brüder Mitknecht, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung.
6. Das Kommen Christi und die Vollendung
K. Das Kommen Christi und die Vollendung. Schon letzten Sonntag haben wir gehört: Gott hat seine Herrschaft angetreten, das Halleluja, das Gotteslob, wurde angestimmt - aber bis zur Vollendung gibt es aus der Sicht des Johannes noch weitere Phasen des apokalyptischen Gerichtsdramas. Nach antiker Vorstellung gehört nämlich zu einem Sieg auch die Vernichtung der Feinde - sonst wäre der Sieg nicht vollständig und immer wieder gefährdet. Wir werden diese Vorstellung, die auch den modernen Militärs nicht unvertraut ist, vielleicht nicht teilen: Sieg muß ja nicht die Vernichtung, sondern kann auch die bloß zeitweilige Unterwerfung der Feinde sein, und: Wirklicher Sieg zeigt sich doch erst in der Versöhnung mit dem Feind. Europas blutige Geschichte beweist das. Johannes denkt hier aber ein anderes Modell von Sieg zu Ende. Damit befindet er sich in den Bahnen alter, vorchristlicher Traditionen: Christus, der Sieger, siegt, wie man sich seinerzeit das Siegen halt so vorstellt. Für uns heißt das aber immerhin doch: Ein Satz wie ÑGott ist die Liebeì meint auch: ER vernichtet das Böse. Dem falschen Optimismus der frühen Neuzeit, das Böse sei nur eine menschlich überwindbare Fehlentwicklung, wird hier widersprochen. Und: Auch der gerechtfertigte Sünder hat von Gott noch etwas zu erwarten. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist noch nicht zu Ende.
L. Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. Und er war angetan mit einem Gewand, das mit Blut getränkt war, und sein Name ist: Das Wort Gottes. Und ihm folgte das Heer des Himmels auf weißen Pferden, angetan mit weißem, reinem Leinen. Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, daß er damit die Völker schlage; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter, voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes, des Allmächtigen, und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren.
Lied 9, 1
K. In dichterischer, fast hymnischer Sprache beschreibt der Seher den Auftritt Christi: als Krieger und Sieger - ausgestattet mit den Symbolen antiker (und überhaupt: königlicher) Herrschaft. Dazu gehören Pferd, Schwert und Krone. Die Unbekanntheit des Namens verleiht ihm Macht, ist Ausdruck seiner Göttlichkeit, die von anderen nicht beherrscht wird - ein uraltes Motiv, das wir noch aus dem Märchen vom Rumpelstilzchen kennen: ÑAch wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß...ì. - Das ÑTierì und der Ñfalsche Prophetì - für Johannes wohl der legendenhaft wiederkehrende Schreckenskaiser Nero und die Propagandisten des Kaiserkultes - werden bestraft, ihre Anhänger getötet. Und zur Siegesfeier kommen auch die Geier:
L. Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen, und er rief mit großer
Stimme allen Vögeln zu, die hoch am Himmel fliegen: Kommt, versammelt
euch zu dem großen Mahl Gottes und eßt das Fleisch der Könige
und der Hauptleute und das Fleisch der Starken und der Pferde und derer,
die darauf sitzen, und das Fleisch aller Freien und Sklaven, der Kleinen
und der Großen! Und ich sah das Tier und die Könige auf Erden
und ihre Heere versammelt, Krieg zu führen mit dem, der auf dem Pferd
saß, und mit seinem Heer. Und das Tier wurde ergriffen und mit ihm
der falsche Prophet, der vor seinen Augen die Zeichen getan hatte, durch
welche er die verführte, die das Zeichen des Tieres angenommen und
das Bild des Tieres angebetet hatten. Lebendig wurden diese beiden in den
feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die andern wurden
erschlagen mit dem Schwert, das aus dem Munde dessen ging, der auf dem
Pferd saß. Und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.
Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel
zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den
Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte
ihn für tausend Jahre, und warf ihn in den Abgrund und verschloß
ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr
verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach
muß er losgelassen werden eine kleine Zeit.
Lied 396, 3
K. Das Wort vom ÑFeuerpfuhlì hat unsere Vorstellung von der Hölle geprägt. Feuer und Schwefel gelten als Attribute der Hölle als eines Ortes der Strafe. Seine Anschaulichkeit hat das schon für die Antike am Toten Meer, wo Sodom und Gomorrha untergingen - oder an Orten wie den Phlegräischen Feldern nördlich von Neapel, wo sich beides - Feuer und Schwefel - noch heute anschaulich erleben läßt - den entsprechenden Würgereiz inklusive. Wie wörtlich hat man solche Bilder zu nehmen? Wie das Bild vom gefangengesetzten Teufel: Gottes Gegner sind entmachtet.
L. Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde das Gericht übergeben. Und ich sah die Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier und sein Bild und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand; diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre. Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung.
K. Das berühmt-berüchtigte ÑTausendjährige Reichì: Biblisch
ist das die Vorstellung von einer irdischen Herrschaft Christi und der
Märtyrer. Martin Luther hat diese Vorstellung abgelehnt, denn zu viele
Sektierer haben sie in den 2000 Jahren der Kirchengeschichte für sich
und ihre Herrschaftsgelüste beansprucht. Zwar war das immer wieder
(beispielsweise bei den Hussiten) auch ein Protest gegen die weltlichen
Machthaber - aber die bisherigen Versuche zur Errichtung einer weltlichen
Herrschaft im Namen Christi (wie die Herrschaft der Täufer in Münster)
waren nicht minder gewaltsam als andere weltliche Herrschaft.
Warum aber denkt sich Johannes das Kommen Christi so? Für ihn
können die Märtyrer und Bekenner schon vorab ihres Heiles sicher
sein. (Damals begann der Märtyrerkult, ihre Verehrung als Zeugen des
Glaubens.)
Aus dem Gedanken von der Ñersten Auferstehungì hat die christliche
Tradition die Vorstellung gewonnen von den Heiligen im Himmel, die schon
mit Christus herrschen.
Johannes kombiniert und interpretiert hier jedenfalls zwei ursprünglich
jüdische Traditionen: die Erwartung eines nationalen Messiasreiches
und die universale von einer neuen Welt. Die Anhänger des ÑTieresì
- also des römischen Kaiserkultes - sind deshalb (dann) vernichtet.
L. Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über diese hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie stiegen herauf auf die Ebene der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer vom Himmel und verzehrte sie. Und der Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Lied 111, 10
L. Und ich sah einen großen, weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde keine Stätte für sie gefunden. Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.
Lied 149, 3+5+6
L. Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.
K. Das letzte Gefecht droht - die Völker von den vier Enden der Erde rücken auf die Heiligen zu. Der Teufel ist los - aber chancenlos. Nach der Vernichtung Roms nun die Vernichtung der Heiden. - Wo kommen eigentlich all die kampfeswilligen Völker noch her? Hieß es nicht, die Anhänger des ÑTieresì seien alle tot? Und alle anderen sowieso? Das ist ja wie in einem Western, bei James Bond oder in einer Wagneroper - da sterben manchmal mehr Leute, als überhaupt mitspielen. Männergeschichten, all das... - oder doch mehr als nur Privatgeschichten, sondern Zeugnisse von der Universalität der Erlösung? Erlösung mehr als bloße Privatsache, sondern Gottes Kommen - zur Welt?!
Die Bilder des Visionärs Johannes sind aber in der Tat unausgeglichen. Harmagedon, die letzte Schlacht, nun anscheinend vor Jerusalem? Die Unklarheit der Bilder bereitet wirklich Probleme: Wer steht da eigentlich vor Gottes Gericht? Nur die Heiden oder auch die Christen, die nicht Märtyrer sind? Johannes - angesichts all seiner Vorliebe für Märtyrer - denkt wohl an den zweiten Fall. Auch die anderen Christen werden mit den Heiden gerichtet.
Solche Unklarheiten haben aber auch Vorteile: Wer sich an der Bibel orientieren will, kann sie gerade nicht wörtlich-biblizistisch lesen. Dafür ist sie zu uneinheitlich, gerade in den apokalyptischen Partien. Gegen falschen Biblizismus ist die Bibel also die beste Hilfe: Jedes ihrer Bilder will auf seine Grenzen hin bedacht werden. Wir haben hier keinen Fahrplan zum Jüngsten Tag vor uns. Hier geht es vor allem um ein solch begrenztes Bild, das Gericht nach den Werken. Das ist gut jüdisch, aber schlecht christlich.
Gewiß wird Gott unsere guten Werke loben und die bösen verurteilen, aber der Glaubende muß nicht befürchten, daß ihm seine bösen Werke den Untergang einbringen - es sei denn, er gibt den Glauben selbst auf und wird ein Anhänger des ÑTieresì, des Antichristen.
Umgekehrt ist die Vorstellung vom Gericht nach den Werken eine grandiose Antwort auf die uns bedrängende Frage nach dem Schicksal der Menschen, die der Botschaft von Jesus Christus nie begegnet sind: Nun werden sie IHM begegnen. Das ist ihre Chance. Ob sie dabei dann allein nach ihren Werken gerichtet werden, nach dem Maß ihrer Liebe - wie es der große katholische Theologie Karl Rahner meinte - oder ob die Begegnung mit dem Richter Christus nicht auch noch eine Chance darstellt für die großen Bösewichte dieser Welt, für all die Hitlers und Stalins - die Antwort auf diese Frage ist diesem Richter vorbehalten. Auch Johannes spricht ja von zwei Büchern: dem Verzeichnis der Werke der Menschen - und vom Buch des Lebens, dem Verzeichnis der Erwählten. Größer als ein Sieg durch Vernichtung aller Feinde ist ja Sieg durch Versöhnung. Und die steht am Ende, das nun mit traditionellen Bildern aus dem Alten Testament beschrieben wird:
Lied 148, 1
L. Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Lied 264, 1
L. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die
sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei
ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen,
wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren
Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz
wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß,
sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang
und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen
Wassers umsonst.
Lied 130, 2
L. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.
K. Selbst inmitten des grandiosen Szenarios von der endzeitlichen Erlösung, da, wo der Himmel selbst auf die Erde kommt - immer wieder kurze Einwürfe, die an die Noch-Realität des Bösen erinnern. Das ist eben Apokalyptik: Sie denkt sich das Böse nicht weg, sie verleugnet es nicht. Sie weiß jedoch: Gott bereitet ihm das Ende.
L. Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den letzten sieben Plagen hatten, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Frau zeigen, die Braut des Lammes. Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall; sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich die Namen der zwölf Stämme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden drei Tore, von Süden drei Tore, von Westen drei Tore.
Lied ÑIhr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohrì (hebr. Jerusalem of gold)
L. Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. Und der mit mir redete, hatte einen Meßstab, ein goldenes Rohr, um die Stadt zu messen und ihre Tore und ihre Mauer. Und die Stadt ist viereckig angelegt, und ihre Länge ist so groß wie die Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr: zwölftausend Stadien. Die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich. Und er maß ihre Mauer: hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, das der Engel gebrauchte. Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas.
Lied 357, 2
L. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen. Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und der Marktplatz der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.
Lied 147, 3
L. Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. Und man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie bringen. Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Greuel tut und Lüge, sondern allein, die geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.
Lied 245, 4
K. Am Ende steht das Volk Gottes als das erneuerte Israel - im Bild der Stadt. Ein gegenüber dem vom Gericht neues Bild mit neuen Zügen, anknüpfend an die jüdische Vorstellung von einem himmlischen Jerusalem. Eine überirdische Erscheinung: vollkommen, als gigantischer Kubus gedacht, verklärtes Gegenbild zu Babylon. Eine Stadt mit offenen Toren: So viel Sicherheit wird dann sein und Offenheit - aber ohne Tempel: Ihre Einwohner haben unmittelbaren Zugang zu Gott, aller Religionsbetrieb ist zu Ende. Gott sei Dank. Das Paradies ist wieder da. Alles Licht. Die anderen sind nicht vernichtet - sondern ausgeschlossen. Was der Seher uns zeigt, ist hier nicht das Bild eines Jenseits über alle Erfahrungen hinaus, kein Bild körperloser Seelen, es ist bei aller Fremdartigkeit irdischer: die Erfüllung aller menschlich-konkreten Hoffnungen nach Leben - und nach Gott.
L. Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein. Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Lied 441, 7
L. Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiß und wahrhaftig;
und der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt,
zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muß.
- Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in
diesem Buch bewahrt. -
Und ich, Johannes, bin es, der dies gehört und gesehen hat. Und
als ich's gehört und gesehen hatte, fiel ich nieder, um anzubeten
zu den Füßen des Engels, der mir dies gezeigt hatte. Und er
spricht zu mir: Tu es nicht! Denn ich bin dein Mitknecht und der Mitknecht
deiner Brüder, der Propheten, und derer, die bewahren die Worte dieses
Buches. Bete Gott an! Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die
Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe! Wer Böses
tut, der tue weiterhin Böses, und wer unrein ist, der sei weiterhin
unrein; aber wer gerecht ist, der übe weiterhin Gerechtigkeit, und
wer heilig ist, der sei weiterhin heilig.
- Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben,
wie seine Werke sind. Ich bin das und das O, der Erste und der Letzte,
der Anfang und das Ende. Selig sind, die ihre Kleider waschen, daß
sie teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die
Stadt. Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen
und die Mörder und die Götzendiener und alle, die die Lüge
lieben und tun. Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen
für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids,
der helle Morgenstern. -
Lied 19, 1 und 69, 1
L. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.
Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht.
K. Zum Schluß beglaubigende Worte, ermahnende - und empfehlende: Das Buch soll im Gottesdienst verlesen werden, wie die Briefe der Apostel: ein offener Brief. Das letzte Wort behält Gott - und die Antwort seiner Gemeinde.
L. Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. - Amen, ja, komm, Herr Jesus!
Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!
Lied 6, 2+5