Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis im Rahmen der Sommerpredigten "Glaube im Unterhaltungsformat": Akte X

Liebe Gemeinde!
ÑDie Wahrheit ist irgendwo dort draußen.ì Unter diesem Slogan feierte die Fernsehserie Akte X in den 90ern grandiose Erfolge in aller Welt. Sie belebte in bisher nie gekannter Weise das mystery-Genre und veränderte die Sehgewohnheiten: Fernsehen wurde immer mehr wie Kino. Und die Zuschauer wurden mit Fragen konfrontiert, mit denen sich - besonders im skeptischen Europa - bisher nur wenige befaßt hatten: Was ist die wahre Wirklichkeit? Und damit meine ich: Es geht hier um mehr als bloß um UFOs und Aliens. - Wer kennt die Serie? (Sie brachte es in 9 Staffeln auf über 200 Folgen - und einen Kinofilm) Worum ging es da? Schon um Ufos und Außerirdische, um mehrfache Verschwörungen, um die ganze Welt der parapsychologischen Phänomene - und immer um außergewöhnliche Kriminalfälle, die sogenannten X-Akten eben. Aber vor allem: Es ging um Ñden Glaubenì.

Das lag vor allem an den beiden Hauptfiguren, den FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully, die die zwei Seelen verkörperten, die in der Brust der meisten Menschen der westlichen Moderne wohnen: den Gläubigen und den Zweifler. Mulder ist zunächst der ÑGläubigeì. Er kriegt all die Kriminalfälle mit seltsamen und unerklärlichen, scheinbar übernatürlichen Phänomen zugewiesen. Scully ist die skeptische Wissenschaftlerin, die ihm zunächst als Aufpasserin zugeordnet wird, aber immer mehr zur Partnerin wird auf der Suche nach der Wahrheit. Und Ñdie Wahrheit ist irgendwo dort draußen.ì

Worin besteht die Wahrheit, nach der die beiden suchen? Neben den Einzelepisoden gibt es eine fortlaufende Handlungsebene, in der am Ende aufgedeckt wird, was die Menschheit erwartet: die Invasion durch Außerirdische im Jahre 2012. Aber schon längst ist sie unterwandert worden: Mächtige Politiker und eine Gruppe von Verschwörern arbeiten auf Seiten der Aliens. Da auch diese aber untereinander uneins sind, ergibt sich daraus eine Fülle von Verwicklungen, die der Zuschauer erst allmählich durchschaut.

Was machte den Erfolg dieser Serie aus? In immer neuen Anläufen verblüffte sie den Zuschauer durch Hintergründiges: Die Dinge sind in Wirklichkeit nicht so, wie man zunächst denkt. Hinter dem ersten Anschein liegt eine andere Wahrheit verborgen. Die kann man nicht sehen, wenn man nicht Ñden Glaubenì hat. Glaube meint hier zwar nicht den Glauben an Gott - aber auch nicht bloß den Glauben, ob es nun Aliens oder Verschwörungen gibt oder nicht. Der Zuschauer, der sich auf die Logik der erzählten Geschichten einließ - die Filmleute sprechen von der ÇMythologieë einer Serie - erlebt seine eigene Welt des Alltags, in die eine zweite einbricht, sie bestimmt, mit ihr ringt und sie zu besiegen droht. Seine Alltagswirklichkeit wird in ein Çmysteriösesë Licht getaucht. Die Geschichten bieten sich dem Publikum an als Bereicherung, Vertiefung der vergleichsweise Çplattenë Alltagsrealität: Nichts ist in Wahrheit so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die einzelnen Episoden enthalten zahlreiche philosophische, religiöse und ethische Anspielungen, besonders in den Titeln der einzelnen Folgen: Wiedergeboren. Der Pakt mit dem Teufel. Adam und Eva. Die perfekte Erlösung. Und immer wieder: ÑDie Wahrheit ist irgendwo dort draußen.ì

Auf dem Höhepunkt des Kultes um ÑAkte Xì entdeckte ich ein Plakat mit diesem Slogan sogar im Schaukasten einer Charlottenburger Kirchengemeinde. Warum wohl? Die Mystery-Serie, sie rief alte religiöse Vorstellungen auf, z.B. den Kampf von Gut und Böse und religionspädagogisch damals geradezu Çverboteneë Themen, etwa Gericht und Erlösung durch eine Çüberweltlicheë Rettergestalt. Es sind gerade diese als Çmetaphysischë abgeschriebenen, für viele moderne Menschen überholten Begriffe und Motive, die in den Filmen bewußt als Symbole einer Çhöherenë und Çmachtvollerenë Wirklichkeit eingeführt werden: Der Alltag erscheint als die Außenseite jener wahren Welt: ÑIch sehe was, was du nicht siehst...ì. - Gelegentlich werden die religiösen Anspielungen deutlicher, die Hauptfiguren machen eine Entwicklung durch: Mulder wird zum Zweifler, übernimmt geradezu Scullys Part. Die wiederum wandelt sich zur Gläubigen. Sie erwartet ein Kind, das (wie man später erfährt) zum Anführer der Außerirdischen auserwählt ist. Aus ihrem Zweifel an höheren Mächten (Zitat: ÑIch habe Angst zu glauben.ì) wird: ÑIch habe Angst davor, daß Gott spricht und niemand zuhört!ì

Spätestens hier kommt noch ein anderes, nun wirklich ausdrücklich religiöses Verständnis von Glauben ins Spiel. Und erst recht ganz am Schluß, als in der letzten Sendung deutlich wird, daß die Menschheit verloren ist: Scully und Mulder sind in ein Motel geflüchtet und ziehen die Bilanz ihrer jahrelangen Arbeit. Sie lautet (gut amerikanisch): Man versagt nur, wenn man aufgibt. Scully wußte von Anfang an, daß Mulder nicht aufgibt, auch jetzt nicht. Wenn das die Wahrheit war, nach der er gesucht hat - was bleibt dann noch, um zu glauben? fragt sie ihn weiter. Er antwortet: ÑIch möchte glauben, die Toten sind nicht wirklich fort; und wenn wir auf sie hören, können sie uns die Kraft geben, uns selbst zu retten.ì Daraufhin entgegnet Scully: ÑWir glauben an das gleiche.ì Sie umarmen sich. ÑVielleicht gibt es eine Hoffnungì, sagt er - als die Episode und damit die Serie endet. Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Liebe Gemeinde, Glaube im Unterhaltungsformat nenne ich das. Natürlich ist das Unterhaltung, keine Offenbarung. Aber mit den Mitteln, die das Kino nun mal hat - Licht und Schatten, schnelle Schnitte, eine eine mysteriöse Stimmung schaffende Musik - begegnen die Zuschauer einem Wirklichkeitsverständnis, das sich nicht mit dem Sichtbaren zufrieden gibt. Ich denke, ich täusche mich nicht, daß Filme wie diese Menschen auch zu denken gegeben haben - nicht bloß darüber, ob es nun UFOs gibt oder nicht, sondern darüber, ob das Leben nicht mehr ist, als ein oberflächlicher Blick darauf verrät. ÑGlaube ist eine Erfahrung mit der Erfahrungì, meinte mein theologischer Lehrer Jüngel, eine Erfahrung, die alles in einem anderen Licht sehen läßt. Unterhaltung kann solch religiöse Fragestellungen wecken. Was beispielsweise hätten die Filmleute aus diesem unglaublichen Wetterwandel vorgestern gemacht, als es bis in die Nacht hinein stündlich wärmer wurde: Explodiert etwa die Sonne? Wer steckt dahinter - oder ist das alles bloß Einbildung? Mystery eben, nicht platte Klimahysterie.

Die Zuschauer von Akte X haben miterlebt, wie die Filmfiguren Erfahrungen machen, die sie verändern; haben miterlebt, wie sie leiden, wie sie zu Opfern werden - und was ihnen dabei Halt gibt: Ihr Glaube hält sie aufrecht und hilft ihnen, Gut und Böse zu unterscheiden.
Selten ist dabei wirklich von Gott die Rede - und schon gar nicht vom Glauben an Jesus Christus - aber in einer verhüllenden, schon selbst mysteriösen Weise, von einer rettenden Kraft. Menschen lernen so wieder zu staunen. Wie lautet in Berlin das Glaubensbekenntnis der ansonsten Ungläubigen? ÑDas hat was:ì Das kann man zwar auch als unchristlichen ÑGlauben an sich selbstì bezeichnen, als den Versuch, sich selbst aus den Gefahren und Nöten des Lebens zu retten - aber es ist offen (und öffnet) für den christlichen Glauben: ÑDie Wahrheit ist irgendwo dort draußen.ì

Daß die Erlösung von Çaußenë auf uns zukommt - davon hat nämlich auch Martin Luther gesprochen. Und das war und ist ein Widerspruch zu allen, die meinen, sich selbst erlösen zu können. Es war und ist auch ein Widerspruch gegen die römische Kirche, die sich wie ehedem als einzige Erlösungsanstalt versteht. Das Çvon außenë (das extra nos) wurde Luther am Ende sogar zur Kurzformel seines biblischen Glaubensverständnisses: Die Erlösung kommt nicht aus dem eigenen Inneren, nicht aus unseren Gedanken, sie beruht nicht auf in uns innewohnenden Kräften - aber die Çvon außenë kommende, von Gott in Jesus Christus durch das Evangelium und die Taufe zu uns, ja in uns hineinkommende Kraft Gottes, sie ist die Kraft, die uns rettet, der Glaube.
Amen.
 
 


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