Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis über 1. Mose 4, 1-16a
Liebe Gemeinde!
Fremdartige Geschichten erzählt die Bibel
auf ihren ersten Seiten: von der Erschaffung der Welt in einer Woche, von
den ersten Menschen Adam und Eva und ihrem Leben in einem Garten, vom Essen
einer verbotenen Frucht und deren Folgen. Es sind Geschichten wie aus einer
anderen Welt ? aber dann, mit Kain und Abel, sind wir scheinbar ganz schnell
in unserer Welt angekommen, in der Welt Ñjenseits von Edenì: Ein Mensch
erschlägt seinen Bruder, Kain als Prototyp des Mörders, als Beispiel
millionenfachen Mordes. Die Geschichte des Menschen beginnt also mit einem
Mord. Ist das hier der Punkt? Tucholsky und sein umstrittenes Wort vom
Soldaten als Mörder wäre dann harmlos im Vergleich zur Bibel:
Jeder Mensch ein potentieller Mörder, Menschen als geborene Mörder,
als Natural born killers ? wie Hollywood es jüngst verfilmte, so drastisch,
daß der Film aus den Kinos schnell wieder verschwand? Und wirklich:
Eine ÑErzählung von Schuld und Strafeì nennen die meisten Ausleger
des Alten Testamentes, was wir hier von Kain und Abel hörten. Am Anfang
also der Mord, die Bibel als Krimi.
Aber da höre ich Widerspruch: Hier gehe es
doch nicht um einen x-beliebigen Fall von Totschlag, nicht um das Wesen
des Menschen schlechthin, sondern konkret erschlägt hier der jüngere
Bruder den Älteren ? also geht es um einen Fall von Rivalität
unter Geschwistern, typisch, wie er eben in den besten Familien vorkommt,
gottlob meist nicht mit Mord und Totschlag endend, ein Motiv, so recht
geeignet für den moralischen Zeigefinger der biblischen Gelehrten
gegenüber Heranwachsenden: ÑDer Mensch erträgt es nicht, daß
sein Bruder mehr bekommen hat als er selbst.ì Da muß der kleine Schumi
also aufpassen, daß er nicht erfolgreicher wird als sein großer
Bruder Michael ? auf daß der ihm nicht an den Kragen geht. Allgemein
gesprochen: Vor Neid wird gewarnt ? und damit vor überzogenen Ansprüchen
des Menschen. Der englische Schriftsteller Chesterton, der von Mordmotiven
wirklich etwas verstand ? er schrieb die Detektivgeschichten von Pater
Brown ? meinte einmal in diesem Sinne: ÑWenn ich nur eine einzige Predigt
zu halten hätte, müßte es eine Predigt gegen den Stolz
sein...ì Warum?
Dann wäre ich sicher, daß man mich
nicht bitten würde, eine zweite zu halten.ì Wenn Menschen nämlich
in ihrem Stolz, in ihren Erwartungen, nur zu bekommen, was ihnen selbstverständlich
zustehe, getroffen werden, ist ihnen Kain nicht fern. Und wirklich: Kains
Opfer hätte als das des Erstgeborenen sogar bevorzugt angenommen werden
müssen. Welch eine Beleidigung und Demütigung seines Position,
ja seiner ganzen Person!
Den Menschen der Gegenwart geht es also ähnlich wie Kain. So haben sie längst den wahren Schuldigen im biblischen Krimi vom Brudermord ausgemacht. Es ist der große Unbekannte im Hintergrund, es ist Gott. ÑUnd der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.ì Gott selbst ist doch der Auslöser des Dramas: Kains Opfer wird von ihm nicht angenommen ? und das bedeutet: Kains Zukunft ist gefährdet, denn wenn Menschen in den alten Kulturen die ÑErstlingeì, die ersten Erträge von Ernte oder Herde, opfern, dann, um sich von Gott den zukünftigen Ertrag fürs nächste Jahr zu sichern. Wessen Opfer nicht angenommen wird, dessen Zukunft ist also massiv gefährdet. Es geht für ihn also um Leben oder Tod. Und wirklich findet sich ein moderner Theologe, der Kain bescheinigt: ÑEr hat sich zu Recht empört über die Zurücksetzung seines Opfers durch Gott.ì
Aber haben wir damit wirklich zu Recht Gott als den wahren Schuldigen am brudermörderischen Handeln des Menschen ausgemacht? Dann wäre die Lösung ja einfach: Ohne Gott, ohne Glauben an ihn, wären die Menschen friedlicher. (Es soll ja wirklich Menschen geben, die so naiv denken. Die Tatsache vielfältigen Brudermordes verschwindet dadurch aber nicht.) Obwohl sie so viele Züge unserer Welt trägt, auch die Erzählung von Kain und Abel gehört in Wirklichkeit zu den fremdartigen Geschichten auf den ersten Seiten der Bibel, die zwar fast jedes Kind kennt, aber nur um ? wie die Alten ? zu nicken, ja, ja, so ist der Mensch, ohne also das wirklich Fremdartige an ihnen wahrzunehmen.
Wirklich fremdartig ist zum Beispiel Gottes Wort an Kain: ÑWarum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Istës nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.ì Was Luther hier mit fromm übersetzt, das hebräische Wort tov, es meint: gut sein, pflichtgemäß handeln, unbeirrt, cool sein ? komme was wolle. (Als Kinder hatten wir das eine Zeitlang als Modewort: Wir nannten wir alles, was uns gut gefiel, tovte ? wie heute eben geil oder cool.)
Kain aber war alles andere als cool. Er könnte ja weitermachen mit seiner Tätigkeit als Bauer, aber er gibt sich auf. Dabei hatte er doch tovte gehandelt, wie man das damals machte, Gott das Erstlingsopfer gebracht. Bloß: Ohne die Sicherheit, von Gott erwählt zu sein, will er nicht leben. Bildreich heißt es: Und hier lauert die Sünde ? wie ein wildes Tier. Zähme es!
Aber Kain läßt sich gehen. Warum? Ist er vielleicht ungeduldig, zutiefst ungeduldig? Jedenfalls will Kain etwas von Gott, was Gott ihm nicht geben will: Sicherheit. Und er will sie jetzt. Wer mit Gott zu tun bekommt, hat aber kein Anrecht auf Sicherheit. Nicht also, daß Gott Abels Opfer erwählt, ist in Wahrheit Kains Problem, und auch nicht, daß sein eigenes Opfer nicht erwählt wird, sondern erst seine Reaktion darauf: Er gibt auf, er gibt auf, auf Gott zu vertrauen und richtet seinen Zorn gegen den Erwählten ? eine absurde Reaktion. Welchen Gewinn hätte er sich davon versprechen können? Etwa, daß Gott sein Opfer nunmehr annimmt?
Dem Mord und seiner Bestreitung (ÑIch weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?ì), folgt die Strafe. Und wieder wird die Erzählung höchst fremdartig: Kain wird nun nicht etwa selbst umgebracht ? Auge um Auge, Zahn um Zahn ? sondern durch das sprichwörtlich gewordene Kainszeichen geschützt: Ein Mal ? wie es bis heute in beduinischen Kulturen bekannt ist ? sagt allen Menschen: Dieser Mensch steht unter dem Schutz Gottes. Kain bekommt also das, was er wollte: Sicherheit ? aber er bekommt sie anders, als er sie wollte. Er wird bestraft zu einem Dasein als Nomade. Welch seltsam-milde Strafe in einer Welt der Nomaden!
Und im Anschluß an den letzten Vers heißt es sogar noch: ÑEr wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.ì Dort wird er Stammvater eines großen Geschlechts, der Kainiten. Der Brudermörder also lebt weiter, während Abel, dessen Opfer Gott annahm ? was nach damaligem Verständnis ganz praktisch bedeutete: Auch im nächsten Jahr wirst du genug zu essen haben ? ums Leben kommt. Was hat er also davon gehabt, von seiner Erwählung?
Wirklich eine mysteriöse Geschichte! Eine Geschichte, die wohl das Geheimnisvollste bedenkt, was Menschen seit jeher in ihrem Verhältnis zu Gott bedenken: das Geheimnis der Erwählung. Das Volk Israel hat hier seine Geschichte als erwähltes Volk bedacht und sein Verhältnis zu den anderen Völkern. Erwählung garantiert kein gutes Leben, sie kann auch Tod bringen ? und der Verworfene kann Gnade vor Gott finden. Menschlich ist das nicht besonders einsichtig, Auge um Auge, Zahn um Zahn ist da schon plausibler ? aber das ist es, was Israel mit seinem Gott erlebt, diese Unberechenbarkeit, Uneinplanbarkeit. Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Diese naive Harmlosigkeit moderner Menschen konnte sich Israel auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit Gott nicht erlauben ? und schon gar nicht den kindlichen Trotz: Wenn Gott das Böse weiter so zuläßt, glaube ich nicht an ihn und sage: Es gibt keinen Gott. Denn Gott läßt selbst Kain, den Prototyp des Brudermörders, nicht in Ruhe, er überläßt ihn nicht seiner Sünde, sondern wendet sich ihm zu.
Was ist das also für eine Geschichte, die da von Kain und Abel erzählt? Es ist zwar eine Geschichte mit vielen Aspekten, ohne Antwort auf viele unserer Fragen, vor allem aber die Geschichte von der Bewahrung dessen, der sich verloren wußte, weil er Gottes Art zu lieben nicht ertragen wollte: diese Liebe, die den einen wählt, ohne den anderen zu verwerfen. Der Winner stirbt, der Verlierer, der Looser kriegt noch eine Chance. Gottes Handeln läßt sich nicht berechnen, er ist buchstäblich unberechenbar. Es gibt so etwas wie eine rechte und linke Hand Gottes, neben der ersten noch eine andere, eine zweite Erwählung. So liebt Gott alle Menschen, ohne eiapopeia.
Klar, daß die Christen später diese Geschichte auf Jesus Christus bezogen, sein Schicksal als Opfer verstanden wie das des Abel, als Selbstopfer am Kreuz, das Gott annahm wie das des Abel ? und sie dadurch die Chance des Kain bekamen. Als natural born killers eine Gefahr für einander ? und doch bewahrt, besiegelt mit dem Zeichen der Taufe. Die fremdartige Erzählung von Kain und Abel wurde ihnen zur Geschichte ihrer eigenen Erwählung.
Und so bleibt sie mehr als nur eine abzunickende
allgemein-menschliche Wahrheit über Stolz und Neid als Quellen von
Bruderzwist, sondern wird zum Evangelium, zur Guten Nachricht ? erst uns
und in einer erneuten Wendung heute auch für die, die sich von Gott
verlassen fühlen und darum den Christen feindlich begegnen, wie jener
junge Hamburger Arzt, der in der beim Kirchentag von Christen überfüllten
S-Bahn lautstark und für alle vernehmlich provozierte: ÑDas ist es,
was ich an den Christen so hasse, daß sie sich so erwählt fühlen.ì
Hier droht neu der alte Kain ? aber, was immer unser Schicksal (wann kommt
es zur nächsten Christenverfolgung?) sein wird, auch für den
neuen alten Kain besteht Hoffnung: Wie wir vermag er noch Gottes linker
Hand, seiner zweiten Erwählung begegnen. Denn so liebt Gott alle Menschen.
Amen.