Predigt am Sonntag Jubilate über 1 Joh 5, 1-4
Liebe Gemeinde!
Selbst wer gerade bei der Epistel nur unaufmerksam zugehört hat,
bei solch einem scheinbar abstrakten ÑWort zum Sonntagì wie unserem heutigen
Predigttext am liebsten schnell mal austreten ginge oder (angesichts der
anregenden Plakate) auch Bier holen, bekäme Wesentliches mit. Wovon
war denn da die Rede? ... Von Jesus Christus, von Gott, vom Glauben, von
der Liebe - und von den Geboten. Jeder versteht: Das ist ein christlicher
Text. Bibelkenner wissen: So redet vor allem Johannes.
Wie redet er? Er gebraucht nur eine beschränkte Anzahl von Wörtern, schnell zu lernen, leicht aus dem Griechischen zu übersetzen: Die stellt er in immer neuen Kombinationen zusammen - als nähme er sie immer wieder neu aus einer Lostrommel - nach ÑMischen, bitteì und ÑZiehen, bitteì. Schauen wir uns noch einmal an, was die heutige Ziehung ergeben hat:
Wer glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, daß wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
In der Tat, da sind die Lieblingsworte des Johannes: Jesus Christus, Gott, Glauben, Liebe, Gebote. Und wie ist das aufeinander bezogen? Noch einmal:
Wer glaubt, daß Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
Wer an Jesus als den Christus glaubt, ist ein Kind Gottes. Wer Gott, seinen Vater liebt, der liebt die anderen auch - die auch Kinder Gottes sind, die auch an Jesus als den Christus glauben.
Daran erkennen wir, daß wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
Und diese Liebe zu den anderen Christen wird an der Liebe zu Gott erkannt. Hoppla, das ist ungewöhnlich: Die Umkehrung des Gedankens ist bekannter, nämlich, daß man die Liebe zu Gott an der praktischen Nächstenliebe erkennt - aber hier betont Johannes: Die Nächstenliebe wird an der Liebe zu Gott erkannt. So eng, so selbstverständlich ist beides miteinander verbunden, daß Johannes sagen kann: Gottesliebe macht die Nächstenliebe erkennbar. Wer also ganz allgemein in der Welt einen Mangel an Nächstenliebe beklagt, wird sich von Johannes sagen lassen müssen: Kein Wunder, fehlt es doch an der Liebe zu Gott.
Was heißt denn ÇGott liebenë nach Johannes? Seine Gebote halten. Auch das ist nicht gerade das, was wir uns gedacht hätten. Für uns tritt Liebe doch häufig an die Stelle eines Gebotes. Dann heißt es: ÑMachen Sie doch mal eine Ausnahme von Ihren Vorschriften, üben Sie Nächstenliebe!ì Nicht so Johannes. Aus seiner Lostrommel gezogen, sind die verschiedenen Worte fast deckungsgleich. Gebote halten, d.h. Nächstenliebe - so hatte doch schon Jesus die Summe des Gesetzes gezogen.
Denn das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
Da bekommen wir es gleich noch einmal gesagt: Gott lieben heißt, seine Gebote halten - und ehe ein Stöhnen durch die Reihen seiner Gemeinde geht, versichert Johannes: Das sei nicht schwer für die aus Gott Geborenen. Die bekommen dadurch etwas mit auf den Lebensweg, was Gebotehalten - Johannes denkt natürlich wieder an die Nächstenliebe - leicht macht. - Dennoch empfinden Christinnen und Christen heutzutage Gottes Gebot als schwer: ÑWie häufig muß ich meinem Nachbarn denn vergeben - wenn der doch immer so fies zu mir ist!?ì Was von anderen verlangt wird, bekommt man selber nicht hin. Hilfe brauchen und Hilfe geben, das ist so aus dem Gleichgewicht geraten wie unsere Renten- und Sozialsysteme. Einige mühen sich ab (und werden immer Çapperë), andere rufen lieber um Hilfe: ÑKeiner besucht mich!ì ÑHaben Sie denn andere besucht, als Sie das noch konnten?ì Unsere frühere Gemeindehelferin Doris Mertke hat sich wirklich einmal getraut, großes Klagen so zu beantworten. Ihre Gesprächspartnerin schnappte daraufhin nur noch nach Luft...
Nächstenliebe... Ist das nun einfach oder schwer? Schwerer als das alte Gebot der Nächstenliebe sind jedenfalls die neuen Gebote, denen wir uns heutzutage unterwerfen müssen: Man muß vor allem Spaß haben, alles im Leben Mögliche auch erleben, schön sein, sich seine Persönlichkeit erarbeiten und - besonders unter jungen Leuten - seine Ehre bewahren, religiös an allem zweifeln, immer ganz großartig sein, auf dem Laufenden... ach, die Liste ist lang. - Das soll leichter sein?
Johannes meint deshalb: Ihr schafft das. Wirklich. Ihr könnt euch
über die Welt und ihre Gebote hinwegsetzen. Ihm geht es hier ja um
die Gemeinde - nicht um Europa oder gleich die ganze Welt, sondern um die
christliche Gemeinde. Ihr wird versichert (sozusagen letzte Umdrehung der
Lostrommel großer Worte nach Johannes):
Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser
Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Liebe Gemeinde, wenn das wahr ist - dann haben wir doch das große Los gezogen. Dann kann uns die Welt doch nicht mehr schaden, uns, den Kindern Gottes, denen, die glauben, daß Jesus der Christus ist, die ihn lieben und deshalb seine Gebote halten, statt sie in den Wind zu schlagen. So sehen Sieger aus.
Mögen unsere Zeitgenossen sich anderen Mächten unterwerfen - der Toleranz, dem schicken Zweifel, den flotten Sprüchen gegen den christlichen Glauben (auf einem ranking der beliebtesten Religionen wäre das Christentum ganz unten, unter ferner liefen, Feindbild) - mögen andere sich auch noch so überlegen dünken: Unser Platz ist da ganz oben auf dem Treppchen, bei Jesus. Und wir brauchen uns diesen Platz nicht einmal zu erobern (indem wir anderen Glauben schlecht machen) - denn wir sind schon von oben, von Gott geboren. Jubilate! [Frau Seidel, gehen Sie darum doch schon mal vor, nach oben, und nehmen Sie den Ihnen gebührenden Platz ein...]
Jetzt habe ich selbst noch einmal an der ÇLostrommelë gedreht - und heraus kam das Wort, das wie eine Überschrift über dem heutigen Sonntag steht: Jubilate! Wenn wir anfangs feststellen konnten, was alles kein Grund zum Jubeln darstellt, dann hat uns Johannes jetzt wieder den einzigen christlichen Grund zum Jubeln vor Augen geführt: Ostern.
Ostern heißt für Johannes: Wir sind aus Gott geboren; d.h.: Wir sind von Adel, jeder ein Graf, eine Gräfin, mehr noch, mehr als Gräfin Mariza oder Frau Luna - weil unser Adel von noch weiter oben her kommt. Es ist ein königlicher Adel. Jeder und jede eine Çvon und zuë: jeder Schmidt, jeder Meier, jede Müller, jede Schulze. Das hebt.
Adel ist ja alles andere als etwas von gestern. Weltlich regiert uns der Geldadel, in Sport und Kunst bewundern wir den ÑKönig der Tour de Franceì und die glitzernden ÑSuperstarsì. Einige - wie die Garbo oder Diego Maradonna - hatten wir sogar schon mal zu ÇGöttinnenë und ÇGötternë ausgerufen. Doch der Volksmund wußte schon immer: Wer hoch steigt, kann auch tief fallen... Anders ist es mit dem wahren Adel, der von Geburt und aus Tradition kommt. Solcher Adel bleibt. Solcher Adel kennt die simple Wahrheit: Adel verpflichtet.
Auch christlicher Adel verpflichtet. Darum konnte Johannes die Liebe zu Gott und das Halten der Gebote geradezu ineinssetzen. Christlicher Adel verpflichtet: zur Liebe zu Gott und Jesus Christus, zum Glauben, zur Liebe. Das also das Ergebnis der heutigen Ziehung aus der Lostrommel johanneischer Worte, nach ÑMischen, bitteì und ÑZiehen, bitteì. Mit dem Wochenspruch gesagt: ÑIst jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.ì
Das alte Europa hingegen muß sich immer noch verkämpfen -
bis hin zu hilflosen Veranstaltungen wie der sogenannten ÑRevolutionären
1. Mai-Demoì - wir hingegen haben schon gesiegt - über die Sünde,
über das Böse, über die Welt. Während die Kämpfer
gestern abend an der Kirche vorbeizogen, riefen ihnen unsere Glocken beim
Sonntageinläuten den Sieg Christi zu.
Um das mitzukriegen, braucht man wirklich nicht allzu genau zuzuhören
- wie jener Mann, der nach dem Gottesdienstbesuch wieder zu Hause angekommen,
von seiner Frau, die den Sonntagsbraten vorbereitet hatte, gefragt wurde:
ÑWas hat der Pfarrer denn heute gepredigt?ì ÑÜber die Sünde.ì
ÑUnd was hat er gesagt?ì ÑEr ist dagegen.ì
Amen.